Laurie Penny

by Nella

thefutureisfemale

„Feminismus, der sich verkauft, ist ein Feminismus, der so gut wie allen gefällt und niemandem weh tut, ein Feminismus, der beruhigt, der sich an die Mittelschicht richtet und für sie spricht, der auf sozialen Aufstieg ausgerichtet ist, der von Schulen, Shopping und zuckerfreien Snacks faselt und sich nicht etwa mit armen Frauen, queeren Frauen, hässlichen Frauen, transsexuellen Frauen, Sexarbeiterinnen, alleinstehenden Müttern oder anderen befasst, die nicht ins Schema passen.“ (Laurie Penny, Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution. Edition Nautilus, 16,90 Euro.)

Im Folgenden Auszüge aus: Antonia Baum: Die Angst in den Augen der Frauen (über Laurie Penny, Unsagbare Dinge)

Und auch wenn die (…) für etwa hundert börsennotierte Unternehmen beschlossene Quote eine Signalwirkung haben soll, wie man immer wieder hört, und auch wenn es Frauen gibt, die es traumhaft fänden, endlich ein Boss zu sein – die „neoliberale“ Ordnung, die Ordnung also, die dem Markt gehorcht, wird dadurch nicht hinterfragt, sie wird modifiziert, sie wird bestätigt. Sie findet sie in der Verfasstheit der „neoliberalen“ Ordnung, einer Ordnung, die nach den Gesetzen des Marktes funktioniert und die Männern beibringt, Macht zu wollen, und Frauen die Gefallsucht lehrt, sie findet sie in den genderspezifischen Rollenangeboten. Die perfekte Frau, die sich innerhalb jener Ordnung bewegt, ist selbstverständlich in einer leitenden Position, sie hat Kinder, sie ist schlank, sie ist gesund, sie ist eine Heldin. Sie ist eine moderne Ikone. (…)

Penny will diese Ordnung zerstören, und es gehört zu den Charakteristika eben dieser Ordnung, dass auch die radikalste Kritik an ihr erlaubt ist. (…) Penny hat keine Antwort auf die Frage, wie alles anders werden kann, aber das ist auch nicht ihr Job. Sie formuliert nur mit absoluter Radikalität, dass es anders werden muss. Für Frauen, Männer, für alle.

Und dabei gelingen der rasend klugen Penny dann Beobachtungen und Analysen, für die man sie küssen möchte: Die Ehe, schreibt sie, sei das Refugium des modernen Arbeitsmenschen und insbesondere das der Männer. Hier sollen sie, so das Versprechen, Schutz vor der Erbarmungslosigkeit des Marktes finden, wobei es vor allem die Frauen sind, die dafür sorgen, dass dieses Refugium schön kuschelig bleibt. Den Haushalt erledigen, weniger privilegierte Frauen damit beauftragen, den Haushalt zu putzen, dekorative Kissen kaufen, frustrierte Männer trösten, den frustrierten Männern Essen kochen, Kinder bekommen und sie versorgen. Frauen sind dazu bereit, diese unbezahlte Arbeit zu machen, weil sie von klein auf beigebracht kriegen, dass es ihr Job ist, zu gefallen und geliebt zu werden. Gelingt ihnen das nicht, gelten sie als gescheitert (und es ist tatsächlich so, dass die nackte Angst in den Augen einer Frau, die mit 35 noch keinen Mann hat, zu den intensivsten Dingen gehört, die man in dieser ansonsten so begradigten Welt beobachten kann). (…)

Jetzt ist seit Jahren ein Backlash unter jungen Frauen zu beobachten, die bei Instagram und Facebook von morgens bis abends irgendwelche Cupcakes backen und sich zuallererst einen Mann und Kinder wünschen. Sie träumen von der rein fiktionalen Liebe, die sie im Fernsehen gesehen haben, und verhalten sich, wie sich das für Frauen gehört, die geliebt werden wollen. Denn draußen ist es einfach nicht besonders schön. Es ist kalt und hart. Es geht nicht darum, diese Frauen zu verurteilen, sie haben gute Gründe. Ich aber werde hier regelmäßig wahnsinnig, und Laurie Pennys Buch zeigt, dass es vielen so geht.

 

Laurie Penny To-go

Auszüge aus dem Interview von Sarah Maria Deckert mit Laurie Penny

In Deutschland wurde gerade die Frauenquote in Unternehmensvorständen beschlossen. Ist es nicht ein eher anti-feministisches Signal, eine Stelle mit einer Frau zu besetzen, nur oder gerade weil sie eben eine Frau ist und nicht, weil sie entsprechend qualifiziert ist? Ist das nicht positive sexuelle Diskriminierung?

Zuallererst glaube ich mal, dass es dem Feminismus nicht unbedingt hilft, ihn von oben zu verteilen. Das mag ja ganz schön sein für diese Frauen in Top-Positionen. Aber was nützt das den Frauen aus der sozialen Unterschicht oder arbeitslosen Frauen?

Irgendwo muss man anfangen. Warum nicht hier?
Klar. Aber warum liegt der Fokus immer zuallererst darauf, die Situation für Menschen besser zu machen, die bereits zur gesellschaftlichen Elite gehören? Aber gut. Viele haben ein Problem mit der Quote, weil sie glauben, es gehe nicht um Leistung. Wer so argumentiert und annimmt, dass wir tatsächlich in einer Leistungsgesellschaft leben, der sagt damit gleichzeitig, dass Frauen nicht gut genug sind. Und das ist ekelhaft.

Was ist am Feminismus beängstigend?
Er ist unhöflich. Er verlangt von uns, die Kategorien unseres Denkens zu ändern und die Strukturen unserer Gesellschaft. Wenn man in einem Parlament von 600 Menschen mehr Frauen platzieren möchte, bedeutet das automatisch: weniger Männer. Männer müssen dann härter arbeiten, um sich ihre Machtpositionen zu sichern. Das ist ein beängstigender Gedanke. Der einzige Weg, es nicht beängstigend klingen zu lassen, wäre, die Botschaft zu ändern. Und das werde ich sicher nicht tun.

Schließen sich Weiblichkeit und Feminismus aus?
Nein. Man kann sich als Feministin so feminin geben, wie man möchte, solange es nicht zum Zwang wird. Ich liebe Make-up, aber wenn ich gezwungen wäre, mich jeden Tag zu schminken oder hohe Schuhe zu tragen, würde es zum Problem.

In Cannes wurden Frauen gerade erst vom Roten Teppich verbannt, weil sie keine hohen Schuhe trugen.
Und das ist der Punkt: Ich habe etwas gegen die Verpflichtung zur Weiblichkeit!

Sie erzählen auch von Ihrem Liebeskummer und kommen zu dieser interessanten Zeile: „Frauen haben Angst davor, Liebe zu verlieren. Männer haben Angst davor, Macht zu verlieren.“ Dieses Spiel würde uns antreiben.
Mädchen wird beigebracht, nach der romantischen Liebe zu streben. Karriere machen ist in Ordnung, solange die Liebe und die Familie weiter im Zentrum stehen. Setzt man seine Prioritäten anders, oder findet man die große Liebe einfach nicht, wird einem suggeriert, man habe versagt. Deshalb fürchtet sich jedes Mädchen von Kindesbeinen an davor, allein zu sein. Frauen werden nicht dazu erzogen, nach Macht zu streben. Tun sie es, müssen sie meistens etwas dafür opfern, wie Liebe, Freundschaft oder Geborgenheit. Bei Männern ist es andersherum: Ihnen wird beigebracht, dass wenn sie Erfolg haben, der Rest von ganz alleine kommt. Diese Doppelmoral ist totaler Beschiss.

Sie beschweren sich häufig über solche Klischees, sagen dann aber Dinge wie: „Männer wollen Objekte. Frauen sind Objekte.“ Man könnte diese Argumentation klischeelastig nennen.
Stereoptyen sind wichtig und deshalb so mächtig, weil sie den Menschen einen Rahmen geben, um den herum sie ihr Leben aufbauen können. Deshalb ist Verknappung in der Politik auch so wichtig. Ich benutze generalisierende Aussagen, um meine Geschichte verständlich zu machen und ein alternatives Modell zu erklären.

Wenn Sie aber einen universellen Feminismus anstreben, wie Sie ihn vorhin geschildert haben, müssten Sie dann nicht aufhören, die Linie zwischen Männern und Frauen zu ziehen und sich hierarchische Strukturen ansehen?
Wenn ich von Männern und Frauen spreche, meine ich politische Kategorien. Man kann sich als männlich, weiblich, genderqueer oder asexuell bezeichnen, aber unsere Gesellschaft ist nun mal um bestimmte Gendergrenzen herum strukturiert.

Würden Sie sich selbst als Frau bezeichnen? Oder denken Sie nicht in solchen Kategorien?
Sie sind die erste Person, die mich das fragt. Wenn ich mich zwischen den politischen Kategorien Mann und Frau entscheiden müsste, würde ich mich als Frau bezeichnen. Aber die Möglichkeiten, die diese Kategorie birgt, halte ich für begrenzt. Deshalb identifiziere ich mich als genderqueer.

Was würden Sie gerne in Ihren Pass eintragen lassen?
Hobbit. Oder Einhorn.