Portrait: Alexander Khuon x Fvf x Zeit

by Nella

Freunde-von-Freunden-Alexander-Khuon-5788

Schauspieler Alexander Khuon hat Nella Beljan ein Interview gegeben, das dabei entstandene Portrait entstammt einer Kollaboration von Freunde von Freunden (deutsch und englisch) und ZEIT.

Der 36-Jährige zählt nicht nur zu einer der großen deutschen Theaterfamilien (Vater Ulrich Khuon ist Intendant, Schwester Nora Dramaturgin), sondern er hat auch geschafft, was kaum einem Schauspieler gelingt: Er ist seit über zehn Jahren festes Ensemblemitglied am Deutschen Theater – einem der renommiertesten Häuser der Welt.

In charmanten, humorvollen und auch einfühlsamen Worten beschreibt das junge Ausnahmetalent, das neben dem Schauspiel auch Drehbücher schreibt und Regie führt, seine Zusammenarbeit mit Theaterikonen wie Jürgen Gosch, Michael Thalheimer, Stephan Kimmig oder Stefan Pucher. Sterbenskrank war Gosch bereits, als er Idomeneus, Alexander liebste Produktion, inszeniert hat. Von ihm, so erzählt Alexander, stammt der Satz: “Ich habe nur das Recht, Theater zu machen oder Geschichten zu erzählen, wenn sich in mir über die Zeit, die ich auf der Welt bin, Leben abgelagert hat.”

Die Liebe zum Text ist der ganzen Familie Khuon immanent – und auch in Alexanders Wohnung nicht zu übersehen. Klar und aufgeräumt ist sie. Hier ist kein Teil zuviel, es fehlt aber auch an nichts, bis zur Zuckerdose ist alles da. An Übermaß nur die Flut an Texten – Skripte und Drehbücher, Romane, Gedichtbände, Aufführungsplakate, Einladungen.

Hinter die Kulissen des Deutschen Theater führte uns Alexander Khuon, lud uns zu den Proben und zur Aufführung von seinem Lieblingsstück Idomeneus ein, auch seine Wohnung und seinen Kiez in Kreuzberg durften wir besuchen. Voilá. Das Interview in voller Länge mitsamt den schönen Fotos von Mirjam Wählen.

 

Nella Beljan: Was war Deine erste Rolle?

Alexander Khuon: Das war „Der dicke fette Pfannekuchen” mit drei oder vier Jahren im Kindergarten. Ich durfte der Pfannkuchen sein. Ich hatte einen Hut auf mit einem Gummiband, das am Kopf total gezogen hat. Auf dem Hut war ein Brett mit einem aufgemalten Pfannkuchen befestigt. Der Pfannekuchen wollte nicht gegessen werden und ist durchs Dorf gelaufen. Ich weiß nicht mehr, wie es ausgegangen ist. Wahrscheinlich wurde er nicht gegessen. Oder vielleicht doch. (lacht)

War „Der dicke fette Pfannekuchen” Dein Erweckungserlebnis als Schauspieler?

Das war die erste Rolle, an die ich mich erinnere. Als Kind habe ich mich aber eigentlich gar nicht so gerne verkleidet. Ich habe jedoch immer Filme oder irgendwas anderes nacherzählt und früh Kurzgeschichten und längere Texte verfasst.

Als Du 21 warst, kam Dein erster Film „Paul” heraus, für welchen Du auch das Drehbuch geschrieben hast. Ging es Dir immer schon um das ganze Paket: Schreiben, Filmemachen, Schauspielerei?

Ja, von der Idee einer Geschichte und wie sie verlaufen könnte bis hin zu den Figuren – sie zu inszenieren und auch zu spielen – gehörte für mich schon immer alles dazu. „Paul” basiert auf einer Serie von Kurzgeschichten über ältere Männer, die von ihren Frauen verlassen werden. Sinnkrisen von 50- bis 60-Jährigen, die ich mit 18 geschrieben habe.

Deine Texte lernst Du in der Garderobe. Brauchst Du diese Umgebung?

Ja, in meiner Garderobe steht nichts herum, das mich ablenkt. Oft fahre ich von Zuhause dorthin, lege mich erst mal schlafen und fange dann direkt nach dem Aufwachen an, meinen Text zu lesen und mich auf die Rolle einzulassen.

Muss man sich als Schauspieler gut kennen, um intime Momente zu spielen?

Man muss sich interessanterweise untereinander als Schauspieler nicht gut kennen, um gut miteinander spielen zu können. Es gibt Kollegen, die sehe ich nur auf der Bühne und da werden Sachen verhandelt, die nicht auf großen Erfahrungen jenseits der Bühne fußen, sondern darauf, was man sich von der Geschichte der Figur – vor allem bei den Proben – gemeinsam miteinander erobert.

Mit Corinna Harfouch hatte ich auf der Bühne schon die größten Dramen: Mutter-Sohn-Beziehungen, Romanzen, aber auch Trennungen, Hass, alles – über private Dinge unterhalten wir uns jedoch nicht. Wir tauschen uns auf einer sehr feinen und nicht-kumpeligen Ebene aus. Wir haben eine Sensorik füreinander. Das ist für mich auch eine wichtige und besondere und tiefe Beziehung, nur eben ohne Faktenaustausch. Gespräche wie: ‘Wie geht es Dir? – Joa, ich wurde gerade aus meiner Wohnung geworfen’ finden bei uns nicht statt.

Du bist in der besonderen Position, schon so viele Jahre festes Mitglied im Ensemble des DT zu sein. Wie hast Du das geschafft?

Man darf nicht aufgeben! Man muss immer wieder anfangen, weitermachen. Das hat viel damit zu tun, dass ich es immer wieder wissen will. Dass ich immer wieder die konkrete Arbeit und die Herausforderung durch den Regisseur und durch die Zusammenarbeit suche. Darauf bin ich neugierig. Und ich verlasse mich nicht darauf, dass es einmal auf eine bestimmte Art mit Gosch, Thalheimer oder Pucher [die deutschen Regisseure Jürgen Gosch, Michael Thalheimer und Stefan Pucher, Anm. d. Red.] geklappt hat und dass es ab jetzt immer so läuft.

Liegt Deine ungewöhnlich oft verlängerte Anstellung am DT auch daran, dass du die Menschen, also auch die Regisseure, von dir überzeugen möchtest?

Ich möchte vor allem mich von mir überzeugen. Ich möchte immer wissen, ob da nicht noch etwas verborgen ist, das es zu ergründen gibt. Manchmal können das Konstellationen mit Kollegen sein, manchmal ist es ein Stocken, eine Rolle, oft ist es ein Regisseur.

Freunde-von-Freunden-Alexander-Khuon-5962Freunde-von-Freunden-Alexander-Khuon-5982

Wer zählt zu Deinen Lieblingsregisseuren?

Jürgen Gosch hat mich sehr herausgefordert. Oder auch [Dimiter] Gottschef. Mit Stephan Kimmig arbeite ich sehr gerne. Das sind schon wichtige Begegnungen gewesen. Aber man kann es nicht steuern, es passiert – manchmal ganz unvermutet. Manchmal denkt man: ‘Große Krise’ und auf einmal ist es eine Chance.

Hast Du ein Lieblingsstück?

Meine Lieblingsproduktion ist Idomeneus, die Jürgen Gosch inszeniert hat, als er bereits schwerkrank war. Er wurde auf einer Bahre zur Bühne getragen und hat von dort im Liegen gearbeitet. Gosch hat seine Schauspieler besonders herausgefordert und gefördert – gar nicht mal auf der persönlich-menschlichen, sondern auf der professionellen Ebene.

In einer Probe, bei der es hakte, machte er mal ganz ruhig – als sei es das Selbstverständlichste der Welt – den Vorschlag: “Dann zündet die Corinna [Harfouch] doch jetzt einfach mal an und guckt, was passiert!” Wir waren perplex. Als dann das Benzin fürs Feuerzeug da war, überlegte er es sich noch mal und meinte mit der gleichen Ruhe: “Na, vielleicht lassen wir das doch lieber.”

Was reizt Dich so an der Schauspielerei?

Jürgen Gosch hat einmal gesagt: ‘Ich habe nur das Recht, Theater zu machen oder Geschichten zu erzählen, wenn sich in mir über die Zeit, die ich auf der Welt bin, Leben abgelagert hat’. Wenn ich bereit bin, das zu zeigen und zu investieren und die eigene Biographie, das eigene Wesen in das Spiel einzubringen, dann spürt man das auf der Bühne. Das ist natürlich ein großer Vertrauensvorschuss. Das war auch so ein Credo von Gosch: ‘Liefere dich mehr aus. Geh näher ran!’. Das heißt nicht, andauernd die Hosen herunter zu lassen, sondern die Figur aufzuladen mit dem, was einem im Leben zur Verfügung steht. Wenn das zusammenkommt, ist es sehr wertvoll. Ein sehr spezieller, besonderer Moment.

Welche Projekte liegen Dir gerade besonders am Herzen?

Ich habe einen Kurzfilm aus einer Kurzgeschichte von Clemens Meyer gemacht, zusammen mit meiner Produzentin Corinna Mehner und Markus Golisano. Er heißt: “Der Dicke liebt”. Es geht um einen Lehrer, einen Pädophilen, der eine Schülerin liebt. Das Besondere daran ist, dass es zu keinem körperlichen Übergriff kommt.

Warum wolltest Du in Deinem Kurzfilm zum Thema Pädophilie arbeiten?

Über ein anderes Theaterprojekt, in dem wir Interviews zur Pädophile gelesen haben, bin ich dazu gekommen. Es lag aber auch daran, dass ich Clemens Meyer als Autor immer schon gut fand und gerne gelesen habe – und dessen Text “Der Dicke liebt” handelt eben von einem Pädophilen.

Manuskripte stapeln sich auf Nachttischen, Ablagen und Sideboards, Plakate zeugen von vergangenen Aufführungen. Am gedeckten Tisch fehlt es an nichts – weder am Milchkännchen, noch der Zuckerdose oder dem Tortenheber. Trotzdem merkt man der Wohnung eine Aufgeräumtheit an, die über bloße Sauberkeit hinausgeht: Hier findet sich keinerlei Krempel, nicht die leiseste Spur eines Sammlertums – außer der Flut an Texten.

Freunde-von-Freunden-Alexander-Khuon-7013

Freunde-von-Freunden-Alexander-Khuon-7688

Freunde-von-Freunden-Alexander-Khuon-7061

 


Alex geht zu seinem exzellent sortierten Bücherregal herüber. Er greift einen Band von Martin Walser heraus, der nicht zu seinen Lieblingsautoren gehört, aber der,so der Schauspieler, „oft gute Sätze hat. ‘Man muss spielen mit der Schwere und so tun, als sei es leicht’ zitiert er. Dann legt er Walser wieder weg und kramt John Williams’
Stoner hervor. Williams ist einer der großen amerikanischen Autoren. „Der ist eine Entdeckung für mich, auch wenn er kein Geheimtipp ist.” Daneben eine Kiste voller Gedichtbände: Celan, Mörike, Else-Lasker-Schüler, Nelly Sachs, Gertrud Kolmar, der ganze Kanon. Die Wohnung ist die eines Wortliebhabers.

Interessierst Du Dich auch für Einrichtung?

Ich weiß, wenn mir etwas sehr gut gefällt. Es gefällt mir aber nicht, wenn nur Möbel von Eames herumstehen und die Einrichtung komplett stimmig ist. Es darf ruhig auch mal knirschen. Ich habe mir vor ein paar Jahren ein altes Sofa gekauft und dafür etwas mehr Geld ausgegeben. Ein dänisches Vintage-Daybed auf einem Holzgestell. Aber so weit geht mein Interesse auch nicht, dass ich wüsste, von wem es ist. Es ist zwar schick, sitzt sich aber nicht so bequem darauf. Deshalb steht noch ein zweites größeres und bequemeres Sofa im Wohnzimmer.

Wie hast Du Deine Wohnung in Kreuzberg gefunden?

Über einen Makler. Meine damalige Freundin hat sie gefunden. Vor elf Jahren war der Gräfekiez schon schön, hatte aber noch nicht diesen Hype erfahren. Es war nur einer von vielen schönen Kiezen – die Leute sind damals eher in den Prenzlauer Berg gegangen.

Kommen wir auf Deine Familie zu sprechen. Du hast einen Text über deinen Vater verfasst, in dem Du schreibst, in deiner Kindheit seien die Stunden mit ihm rar gesät gewesen. Seht ihr euch heute mehr?

Als Kind habe ich diesen Mangel nicht so empfunden. Der Ort meines Vaters war immer schon das Theater und ist es bis heute geblieben. Seine Leidenschaft für die Bühne habe ich auch als Kind gespürt – und sie wurde in meinem Leben ebenso wichtig.

Deine Schwester, die Dramaturgin Nora Khuon, ist nur knapp zwei Jahre jünger. Fühlst Du Dich immer noch als großer Bruder?

Manchmal schon. Aber immer weniger – das verschwimmt ab einem gewissen Alter. Komischerweise habe ich mir nie Sorgen um sie gemacht. Sie war immer schon sehr entschieden und hatte einen starken Willen. Ich war eher der Ängstliche, tastend und vorsichtig. Sie war immer schon sehr unabhängig, ist mit 18 nach Berlin gezogen und mit 21 dann nach Hamburg ans Schauspielhaus gegangen. Sie hat schon wahnsinnig früh Verantwortung übernommen und übernehmen können. Insofern war ich nie der klassische große Bruder, der denkt: “Oh je, jetzt geht sie in die Disco.”

Warst Du ein guter Schüler?

Ich habe nie mehr als nötig gemacht und mich eher augenzwinkernd durchgewurschtelt. In Sport, Musik, Deutsch und Geschichte war ich gut. Aber in Mathe und Physik war ich schlecht, Biologie ging noch. Alle Naturwissenschaften: eher nicht so.

“Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?”

Die berühmte Gretchenfrage! (Lacht) Taufe, Messdiener – alles war dabei, einfach, weil es dazugehörte. Ich gehe mit meinem Vater auch einmal im Jahr für eine Woche ins Kloster. Aber nicht, weil ich supergläubig bin, sondern wegen der Themen. Es ist tatsächlich sehr philosophisch, was dort vor dem Hintergrund von Religion verhandelt wird.

Meine Schwester war kirchenpolitisch sehr kritisch. Als sie Mutter geworden ist, ist sie wieder in die Kirche eingetreten und hat ihr Kind taufen lassen. Das konnte ich gut nachvollziehen. Ich finde, jeder nach seiner Façon. Ich habe mal meinen Vater gefragt, ob er an Gott glaubt. Er hat gesagt: “Die Frage ist nicht, ob es einen Gott gibt, sondern ob du einen Gott brauchst.” Da war ich noch ein Kind. Aber das ist auch heute noch eine ganz gute Antwort.