Jörg Albrecht, We are Talk of a Town

by Nella

2014_05_lionwash

Steward Staples: That leaving feeling

“Es gibt Menschen, denen ich noch nie begegnet bin und die besser verstehen, was ich morgen denken werde, als einige meiner engsten Freunde, schreibt Sam Harris. Davon ausgehend denken, von diesem neuen Verständnis von Freundschaft, durch das Netz ermöglicht, denken, dass auch das Wissen über meine engsten Freunde nie ein gesichertes ist, auch dieses Wissen verändert sich, und ich muss immer wieder neu schauen, wen ich in den Arm nehme, ja, auch eine Umarmung ist nicht immer dieselbe, da kann Jennifer Grey über Patrick Swayze noch so oft sagen: Wenn ich an ihn denke, denke ich daran, wie ich in seinen Armen lag. Wenn Patrick Swayze noch etwas antworten könnte, würde er vielleicht lächeln und sagen: Hör endlich auf, mir Identität zu unterstellen, das stößt uns ins 20. Jahrhundert!

Wir sind jetzt schon zehn Jahre in diesem neuen Jahrhundert, und trotz der Ablösung des Brockhaus durch Wikipedia ist es noch immer nicht denkbar oder nicht genug denkbar, dass unsere Identität sich sekündlich ändert. Und das nur, weil ich biometrisch scanbar bin, weil Facebook mich auf mein Face reduziert und den Space um mich herum ausradiert, weil Amazon mir suggeriert, mit Angeboten, es würde mich ganz genau kennen. Um das zu verhindern, brauche ich immer neue Nicknames. Aber ich will nicht noch einen Nickname! [Nickname als Name, zu dem man nickt.] Und als notanothernickname schreibe ich: Hör auf, mich auf mein Inneres zu reduzieren! Ich bin nicht nur dieses Subjekt innen, das mal auf die Nutzungsbedingungen von Amazon und Facebook hört und mal auf Menschlichkeitsbedingungen bei Ibsen und Mann, nicht das Subjekt, das verzweifelt versucht, sich in einem obskuren Innen festzuhalten und so zu verwirklichen. Wir verwirklichen uns nie. Das meint: Identität als Praxis.

So ähnlich schrieb schon Marx tief im 19. Jahrhundert, wann genau, weiß Google bestimmt, aber ich schaue jetzt nicht nach, auch den genauen Wortlaut schaue ich nicht nach, aber in etwa: Ich bin nichts, und ich müsste alles sein. Ach ja, let’s drop the subject. Ja. Lasst es uns droppen, das Subjekt! Und lieber sehen, was Identität jenseits dieses Subjekts sein kann, nämlich ein Gespräch. Wir führen ein intensives und ununterbrochenes Gespräch mit diesem Riesending, schreibt Kevin Kelly über das Netz. Wir führen ein intensives und ununterbrochen unterbrochenes Gespräch, und dieses Gespräch, das sind wir.”

Exzerpt aus Jörg Albrechts We are talk of a town, erschienen am 13.01.2010 in der FAZ.