Barneys New York: Brothers, Sisters, Sons and Daughters

by Nella

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Barneys New York: Brothers, Sisters, Sons and Daughters

Barneys New York hat eine neue Kampagne gestartet. Bruce Webber hatte 17 Models für das amerikanische Luxuskaufhaus vor der Kamera, die weder in die Kategorie männlich noch weiblich passen. Patricia Bosworth hat mit den transsexuellen Models gesprochen und erzählt ihre Geschichten. Was genau Transgender, intersex, two-spirit usw. bedeudet? Mein Text, den ich für das Tissue Magazin geschrieben habe, verrät es.

Unsex me here

Transgender oder Intersex – weder Mann noch Frau

Die meisten gehen davon aus, dass uns der Körper mit dem wir geboren wurden, bestimmte Grenzen setzt: Ein Mann ist ein Mann, eine Frau ist eine Frau. Aber auch Naturwissenschaftler und Mediziner können nicht immer klar sagen, was männlich oder weiblich ist.

Männlich, weiblich, androgyn, (pseudo-) hermaphrodit. Transvestiten, Drag-King, Drag-Queen, Travestien, Cross-Dresser. Transgender, Intersex (oder Two-spirited, Chanith, Kathoey, Futantari) und Bi-Gender oder A-Gender. Gar nicht so einfach, diese Begriffe zuzuordnen, oder?! Ethnologen, Kulturwissenschaftler, Historiker u.a. „erinnern“ uns mit ihrer Arbeit an die Präsenz solcher Identitäten. Menschen, die sich selbst, oder auch von anderen, jenseits von männlich und weiblich verorten bzw. verortet werden, sind nicht erst eine Erscheinung der Postmoderne oder als Effekt der Neuen Frauenbewegung und einer damit verbunden „Aufweichung“ der Geschlechtergrenzen zu sehen.

Auch das Argument, dass doch in der Biologie und Medizin klar zwischen Männern und Frauen unterschieden wird, trägt nicht mehr. Denn auch hier werden die Geschlechtergrenzen weitaus kontroverser diskutiert. Lange Zeit wurden jedoch zumindest in unserem Kulturkreis Menschen, die körperlich nicht dem entsprachen, was man von einem männlichen oder auch einem weiblichen Körper erwartete, als ‚verkümmert’ oder ‚missgebildet’ wahrgenommen und als Hermaphroditen oder Zwitter subsumiert. Heute jedoch spricht man viel eher von Transgender bzw. Intersexuellen.
Die Mehrheit der Bevölkerung lässt sich vermutlich bipolar (also zwischen den Polen männlich/weiblich) unterscheiden, es gibt aber auch jene, die intersex oder transgender sind – also jenseits der beiden bekannten Geschlechter stehen.

Transgender (lat. trans „jenseitig“, „darüber hinaus“ und engl. gender „soziales Geschlecht“) bezeichnet diejenigen, die ihre biologische Geschlechtsidentität (sex) nicht deckungsgleich mit ihrer sozialen Geschlechtsidentität (gender) empfinden. Wissenschaftler vermuten, dass in den Gehirnen von Transgendern im embryonalen Stadium bestimmte Hormone hergestellt werden, sodass sich die eine Gehirnhälfte z.B. zwar typisch weiblich ausforme, sich der Embryo körperlich aber männlich entwickle.

Intersex bezeichnet hinegegen jenes Geschlecht, das sich genetisch, anatomisch und hormonell zu keinem der beiden Geschlechter zuordnen lässt. Intersex Menschen tragen nicht den Karotyp 46, XX bzw. 46, XY, sondern variieren in ihren Chromosomen und lehnen oftmals sowohl eine transsexuelle als auch männliche oder weibliche Geschlechtszuordnung ab.

Ist das Geschlecht beliebig? Soll und kann jeder nach seiner Facon bestimmen, ob er eine Frau, ein Mann oder irgendetwas anderes sein möchte? Rein rechtlich betrachtet gibt es ganz klar nur zwei Kategorien: Im deutschen Pass wird, wie in den meisten anderen Ländern leider auch, entweder „männlich“ oder „weiblich“ vermerkt (Nachtrag: Seit Ende 2013 ist das in Deutschland kein Muss mehr. Wenn das Geschlecht nicht eindeutig zu bestimmen ist, dürfen die Eltern das Feld für männlich oder weiblich auch einfach leerstehen lassen.)  Aber können wir unseren Körper einfach so anpassen? Ist im Endeffekt alles von der Gesellschaft konstruiert? Die Frage beschäftigt die unterschiedlichsten Forschungsrichtungen seit langer Zeit.

Besonders spektakulär und dramatisch ist dabei der Fall von David Reimer, den der amerikanische Psychiater John Money beschrieben hat. David Reimer war in den 1960ern als kleiner Junge geboren worden. Nach einer misslungenen Beschneidung, bei der sein ganzer Penis verbrannte, wurde der Säugling (bis dahin Brian genannt) auf Anraten des Arztes als Mädchen aufgezogen. Und tatsächlich verhielt sich das Kind, das fortan Brenda genannt wurde, genau so, wie man es damals von einem Mädchen erwartete. Besonders deutlich wurde das im Vergleich zu ihrem eineiigen Zwillingsbruder. John Money feierte dies als Erfolg, meinte er doch, damit bewiesen zu haben, dass es gleichgültig sei, mit welchem Körper man auf die Welt käme. Das Umfeld entscheide über die Geschlechtsidentität.

Nach und nach stellte sich jedoch heraus, dass sich Brenda, die nichts von ihrer Geschichte ahnte, da Money den Eltern geraten hatte, diese zu verheimlichen, zunehmend unbehaglicher in ihrem Körper und in der ihr zugeschriebenen Geschlechtsidentität als Mädchen fühlte. Als sie schlussendlich herausfand, dass sie als Junge zur Welt gekommen war, nannte sie sich in David Reimer um und heiratete eine Frau. Er verfiel jedoch immer wieder in schwere Depressionen und nahm sich mit 38 Jahren das Leben.

Der Fall David Reimers zeigt nicht nur, dass Kinder offenbar ein früh auftretendes Bewusstsein für ihre Geschlechtszugehörigkeit haben. Diese Zugehörigkeit empfinden männliche und weibliche, aber auch transgender Kinder. Eltern von Transgender-Kindern berichten oft, dass sie zunächst befürchteten, ihre Kinder gingen lediglich durch eine Phase. Verwehrten sie ihnen aber, ihre gewünschte Geschlechtsidentität auszuleben, verfielen ihre Kinder in schwere Depressionen.

Viele Transgender Kinder drücken ihre Geschlechtszugehörigkeit aber nicht ‚nur’ habituell aus, also über Kleidung, Gesten, bevorzugtes Spielzeug usw., sondern entschließen sich für anstrengende Hormonbehandlungen oder gar für schmerzhafte chirurgische Eingriffe.

Der BGH hat mittlerweile entschieden, dass eine chirurgische Geschlechtsumwandlung nicht mehr notwendig sein dürfe, um die Geschlechtsidentität im Pass zu ändern. Denn, so sagt die Berliner Rechtsanwältin Deborah Reiner, die als Junge auf die Welt gekommen war: „Das trägt man von Anfang an in sich, auch wenn man es als Kind oft noch nicht benennen kann.“ Niemand, der als Transgender geboren wurde (auf 50.000 Geburten kommt wahrscheinlich ein transgender) soll gezwungen werden, sich bei Änderung der Geschlechtsidentität operieren zu lassen, da es das Recht auf körperliche Unversehrtheit verletzt.

Was wir als normal bezeichnen, ist also sowohl historisch als auch kulturell sehr unterschiedlich. Das Fatale an Konzepten von Normalität ist, dass sie für den Einzelnen und seine Existenz ziemlich weit reichende Folgen hat. Es hat aber auch für die Gesellschaft in der wir leben, weit reichende Folgen, weil es beeinflusst, welche Vielfalt es geben kann und wie viel wir zulassen wollen.

Ob die Menschen damit froh werden dürfen, hängt tatsächlich von uns als Gesellschaft ab: Wie wir damit umgehen und wie wir diejenigen damit umgehen lassen. Ist es dabei nicht schon seltsam genug, dass wir uns so sehr darum kümmern, was jemand zwischen seinen Beinen trägt? Und falls es noch niemandem aufgefallen ist – das ist der Teil unseres Körpers, den wir ohnehin die meiste Zeit des Tages verstecken!

Unsex me here

Most assume that the body in which we were born sets certain limits: A man is a man, a woman is a woman. But today, this clear distinction is false. Not only in gender studies, but also in biology and medicine, gender boundaries are discussed very controversary. So, individuals, who are considered or consider themselves beyond the conventional male or female gender norms, are not only a phenomenon of post-modernism or an effect of the new women’s movement and an associated “softening” of the gender boundaries.

Male, female, androgyne, hermaphrodite, genderqueer, third gender, transgender, intersex (or two-spirit) und bigender or agender – it is pretty tough to handle these terms, isn’t it? But Ethnologists, Cultural Scientists, Historians and others remind us on the presence of these identities for centuries and millenias. Nevertheless, in our culture people who physically did not look like what was expected of a male or a female body, were preceived as stunted or deformed – and by this subsumed as hermaphrodites or hybridization. Today we speak much more of transgender or intersex to indicate that it is not abnormity, but variety that occurs. It is assumed that although the majority of the population is bipolar (between the poles of male / female), there also are transgender or intersex. Transgender individuals do not identify with the sex (and assumed gender) they were assigned at birth, based on their genitals. They either identify themselves as male or female (but born in the ‘wrong’ body) or identify themselves beyond the two sexes (agender, bigender, genderqueer). It is said, that the brains of transgendered people produced certain hormones in the embryonic stage which gave their brain a typical female shape, although the embryo was developing physically male (or vice versa). Intersex are neither genetically, hormonally nor anatomically assigned to male or female: They do not carry the karyotype 46, XX or 46, XY, but vary in their chromosomes. That’s why they often reject to be assumed as male, female or transsexual. From a purely legal perspective, there are only two categories: Your passport will either say “male” or “female”.

But if it is true, that even scientists and doctors can not always say clearly what male or female is, does it mean that everyone can decide to be a woman, a man or something else? Isn’t gender constructed by society at the end of the day? This questions have concerned many researchers and scientists for a long time. The case of David Reimer, which was describes by american psycholgist John Money, was particularly dramatic. David Reimer was born in 1965 as a boy. His entire penis was accidently burned. So, John Money adviced the baby’s parents to raise their kid as a girl. And actually the child, which was henceforth called Brenda, behaved just as if it was expected at that time by a girl. Though, Brendas identical twin brother who was raised as a boy, behaved as a boy. John Money celebrated this as a proof, that sex was not important, that it was society which makes gender identity. Gradually it became clear that Brenda, who had no idea of the past, because Money had told the parents to conceal it, felt increasingly uncomfortable as a girl. When Brenda finally found out the truth, he/she immediately changed his/her name into David Reimer, continued living male and later married a woman. However, he suffered again from depression and killed himself at the age of 38.
This shows that even very young male and female, but also transgender children seem to sense a bond to a certain gender. One of 50,000 babies is supposed to be a transgender child. Parents of transgender children first often think, their children go through a phase when they refuse their assigned sex. But if the kids were not allowed to live in their preferred gender, they started suffering from severe depression. The Berlin based lawyer Deborah Reiner, who was born as a boy, explains: “You carry this gender bond from the beginning in yourself, even if you cannot name it when you are a child, you still feel it.” Many transgender children express their gender not only on clothing, gestures, favorite toys, etc., but also take hormone treatments or even have surgery. The German Supreme Court (BGH) has now decided that a sex-change surgery should no longer be necessary to change the gender identity of the passport as it violates the right to bodily integrity.
What we consider as ‘normal’ has changed through history and from culture to culture. Concepts of normality cause devasting effects on individuals everyday life, but on society, too. It affects whether we have diversity in our world or how much diversity we want to allow. Whether people can be happy depends on us as a society, too: whether we allow them to be not only different (= not normal), but diverse. Isn’t it weired enough that we care so much about what someone is carrying or not carrying between his or hers or whatevers legs? And just in case you didn’t notice yet – it is the part of the body which is hide most of the time, anyway!