Martha Wainwright im Interview: “Poesie ist eine hübsche Hure!” / Der Stille Sonntag *95

by Nella

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Martha Wainwright: Proserpina

Mit Rufus’ Schwester Martha Wainwright, ebenfalls Musikerin, habe ich im letzten Jahr gesprochen. Dabei erzählte sie sehr offen von der Beziehung zu ihrem Mann, dessen Affäre sie zunächst war, und von ihrer berühmten Familie. Die Kanadierin kam auch auf den Tod ihrer Mutter zu sprechen, der fast gleichzeitig mit der Geburt ihres Sohnes zusammenfiel, sowie auf ihren Musiker-Vater Loudon Wainwright. Der forderte von der Familie Diskretion, nahm es auf der Bühne aber selbst nicht so genau damit. Seinen Sohn bedachte er etwa schon als Säugling mit dem Lied “Rufus is a Tit Man” – weil dieser das Stillen ganz offensichtlich genoss. Die eigentliche Pointe ist: Rufus Wainwright heiratete jüngst seinen langjährigen Partner in Berlin. Hübsch, oder? Das Universum denkt halt mit!
Viele schöne Sätze sagte Martha Wainwright, zum Beispiel über die Geburt ihres ersten Kindes: “Mit Arcangelo, so heißt mein Sohn, wurde mein Leben hell und es ist, als ob ich dieses Licht überall wiederfinde.” im Gespräch betonte sie auch, dass sie zuerst Schauspielerin war – und die Bühne sie zur Rampensau mache. Ihre Song-Texte schöpfe sie aus ihrem Privatleben. So ist es nicht verwunderlich, dass es ein ganz besonderes Musiker-Interview wurde: voller Geschichten und Anekdoten. Das Gespräch in ganzer Länge zum selber lesen, voilà.

Nella Beljan: Das Lied “Proserpina“, aus dem eine Zeile titelgebend für Ihr neues Album “Come home to Mama” ist, hat mich sofort berührt. Worum geht es?
Martha Wainwright: Ach, wirklich? Das freut mich. Das Lied hat meine Mutter (Singer/Songwriter Kate McGarrigle) kurz vor ihrem Tod geschrieben. Es ist ihr letztes Lied. Sie hat definitiv gespürt, dass sie sterben würde und sich viel mit antiker Mythologie beschäftigt. Proserpina steht für den Frühling. Die Göttin wurde von Pluto in die Unterwelt entführt. Proserpinas Mutter war untröstlich über den Verlust ihrer Tochter und setzte alles daran, sie zurück zu bekommen. Ich wollte dieses Lied unbedingt auf meiner Platte haben. Damit habe ich begonnen, mein Album zu schreiben. Meine Mutter wiederum hat den Song für ihre Kinder geschrieben, aber es ist in erster Linie ein Mutter-Tochter-Lied. Während sie im Sterben lag, konnte ich nicht zu ihr reisen, da mein kleiner Sohn zwei Monate zu früh zur Welt kam und im Brutkasten lag. Dann „Come home to Mama“ von der eigenen Mutter gesungen zu hören, ist herzzerreißend. Ich habe mir deshalb mit dem Album auch das Herz aus der Seele gesungen. Auf dem Cover haben wir ein Foto von mir genommen, auf dem ich nackt bin und etwas sexy in die Kamera blicke. Das bekommt dann gleich den Touch von: „Cum home to momma!“ (sagt es im Slang) – und verdreht die eigentliche Bedeutung. Das Album ist der Tribut an meine eigene verstorbene Mutter sowie an mich als verwaiste Tochter, die gerade selbst erst Mutter wurde. Ich bin ein ziemlich schuldbewusster Mensch, mir tun viele Dinge sehr leid: Mit meiner Mutter hatte ich eine ziemlich typische Mutter-Tochter-Beziehung. Ich war oft wütend auf sie und ziemlich schwierig im Umgang.
Ihr älterer Bruder Rufus hingegen hatte eine sehr enge Bindung zu Ihrer Mutter, oder?
Eine engere Bindung als ich, ja, aber nur oberflächlich gesehen. Sie haben jeden Tag miteinander telefoniert, zum Beispiel. Das hatte ich mit meiner Mutter nicht, mich hat das genervt und ich habe sie meist nicht zurückgerufen. Sie hat das wahnsinnig gemacht. Ich hatte versucht, mich damit zu lösen und frei zu sein. Heute schäme ich mich dafür, dass ich so voller Groll und Wut war.
Ihre Beziehung hat sich verändert, als Sie wussten, dass Ihre Mutter schwerkrank war.
Ja, wir haben viel über das Vergangene gesprochen. Aber das waren keine blöden Therapiegespräche, sondern wir haben sehr direkt miteinander gestritten. Da ging es auch richtig zur Sache, denn meine Mutter war eine brillante und offene Frau. Danach war unser Verhältnis vollkommen neu, das war unglaublich wohltuend, da wir nun beide darauf aus waren, gut miteinander zu sein. Meine Mutter war eine liebevolle Mutter, wie man sie sich wünscht. Sie hat sogar ihre internationale Karriere, die sie als Duo gemeinsam mit ihrer Schwester Anna hatte, zurück gestellt, um Rufus und mich in Kanada groß zu ziehen. Sie hatte sich nicht komplett aus dem Musikgeschäft zurückgezogen, sie gab ab und zu immer noch Konzerte. Aber es war dann eben nur ein kleiner Teil in ihrem Leben. Kate hat mit uns Kindern viel gesungen, unser Haus war immer voller Musik. Rufus und ich haben deshalb auch diesen Film über Kate gemacht, der auch beim Sundance Film Festival gezeigt wurde: „Sing me the songs that say I love you.“
Ein Jahr bevor Ihre Mutter an Krebs erkrankte, haben Sie Ihren Ehemann, den Produzenten Brad Albetta kennengelernt.
Ja, er war, als ich ihn kennen lernte noch in einer anderen Beziehung, aber ich habe ihn von mir überzeugen können.
Bevorzugten Sie die Beziehungen, in der Sie andere von sich überzeugen mussten? Bei Ihrer Mutter, deren Aufmerksamkeit Sie sicher hatten, waren Ihnen die Anrufe lästig.
Darüber habe ich noch nicht so richtig nachgedacht. In Bezug auf meine Mutter haben Sie sicher Recht.
„I know that you’re married, but I’ve got feelings, too.“
Das ist unfair! Das ist der Titel meines Vorgänger-Albums (lacht). Aber es ist wahr, ich habe einen ziemlichen Drang zu erobern und bin vielen Männern nachgelaufen. Der Albumtitel ist nicht nur auf meinen Ehemann gemünzt. Insofern muss ich zugeben, dass ich mich immer mehr angestrengt habe, wenn es mir jemand schwer gemacht hat. Das sind aber Dinge, die passieren unbewusst und man kommt schwer dagegen an. Ich fand mich nie hübsch, kannte aber keine Scham und habe versucht, die Leute dazu zu bewegen, mich zu lieben. Aber es ist irgendwie auch klar, dass diese Beziehungen immer scheitern.
Warum klappte es auf einmal, sich fest an jemanden zu binden?
Wissen Sie, mein Mann und ich sind beide Scheidungskinder. Als meine Mutter so krank wurde, sagte ich zu Brad: Lass uns heiraten und ein Kind bekommen. Dann weiß sie, dass ihre Tochter ebenfalls etwas Ordnung in ihr chaotisches Leben gebracht hat. Aber es war natürlich auch ein schweres Stück Arbeit zwischen Brad und mir. Sich zu entschuldigen, hilft schon mal. Zu erkennen, dass man freundlicher miteinander umgeht und nicht einfach alles hinschmeißt und sagt: „Fuck this!“ Man muss unterschiedliche Wahrnehmungen und damit Wahrheiten zulassen können. Zu bleiben heißt, dass man sich verletzbar macht und nicht zurück schlägt.
Manche Ihrer Lieder wirken sehr privat und erzählen vom ‘Vielleicht verlassen’.
Alle meine Lieder sind ziemlich privat (lacht)! Einige der Lieder auf dem Album hat mein Mann, der auf der Tour Bass bei mir spielt, zum ersten Mal gehört. Natürlich hat er sie vorher auch schon gehört, aber er hatte da zum ersten Mal auf die Texte geachtet. Und war danach ziemlich traurig. Es war wohl wirklich hart für ihn. Aber man muss bestimmten Wahrheiten ins Gesicht schauen und die aushalten. Und sich bei aller Enttäuschung vor Augen halten, dass man etwas Gutes hat und es nicht direkt bei den ersten Problemen wegschmeißen sollte.
Ihre ganze Familie plaudert in den Songs gerne aus dem Nähkästchen. Ihre Tante hat das so kommentiert: „Die Bühne ist ihr Wohnzimmer.“ Ihr Vater Loudon Wainwright zum Beispiel hatte einen ziemlich hässlichen Song über Sie…
Ja, ich hatte mit meinem Bruder bei meiner Mutter gelebt und war als Teenie zu ihm gezogen, auf diese Zeit bezog er sich in diesen Song über diese Frau, die mir unglaublich leid tat. Er sang davon, dass sie einen Neuanfang nehmen sollten, aber jeder für sich und räumlich voneinander getrennt. Er habe genug von diesem Halten, da sei er lieber allein, als mit ihr. Irgendwann sagte er dann, dass das Lied von mir handelte. Das war ein ziemlicher Schock.
Sie wurden ja auch von jemandem unter die Lupe genommen, der 30 Jahre älter war und ein Profi in Sachen Sprache.
Ja, das hat mich ziemlich doll verletzt. Und ich war böse auf ihn. Ich war damals gerade mal 14 Jahre und hatte meine ersten Jungsgeschichten. Und mein Vater war in seiner Midlife Crisis. Loudon ist ein bisschen lächerlich, wenn es um seine Songtexte geht. Er schreibt seit dreißig Jahren Songs über seine Familie, aber will keinerlei Fragen dazu beantworten. Die Leute identifizieren einen dann mit dem, was er über uns geschrieben hat. Und unterwerfen uns erneut unter sein Diktat. Ich meine, „Rufus Is A Tit Man“, das Lied, das mein Vater über Rufus, der gern gestillt wurde, schrieb, ist da noch harmlos.
Sie hatten mit dem Song „Bloody Motherfucking Asshole“ aber einen handfesten Konter: „Poetry is no place for a heart that is a whore!“
(lacht) Ich sag ja, ich war ziemlich sauer.
Ist Poesie nicht immer ein bisschen auch eine Hure? Man nimmt einen Augenblick und seziert ihn, um ihn dann bestenfalls auf einer allgemeinen Ebene zu abstrahieren. Das wird doch immer ‘unfair’ – weil subjektiv – gegenüber dem Ausgangspunkt.
Ja, das stimmt schon, aber Poesie ist eine hübsche Hure und es steckt viel Herzblut in ihr. Man beansprucht private Momente für sich und fokussiert das Ganze. Und eines Tages ist es dann Zeit für die Abrechnung in einem Song, obwohl die Geschichte meist doch viel komplexer ist. Ich weiß eigentlich auch, dass ich von mir selbst besessen bin. Aber nun, wen interessiert das?! Sogar jetzt, wo ich eine Mutter bin, kreise ich ziemlich viel um mich selbst. Das ist auch ein bisschen unverantwortlich und insofern bin ich als Mutter manchmal keine große Stütze. Denn was mein Sohn braucht, ist viel wichtiger als alles andere. Aber ich komme bei aller Egozentrik auch immer wieder ins Spielerische hinein.
Apropos: Sie sind auch ausgebildete Schauspielerin.
Ja, war sogar zuerst Schauspielerin, dann Sängerin. Ich war immer ein bisschen eingeschüchtert von Rufus’ großem Erfolg und musste erst einmal meine eigene Nische finden. Irgendwann konnte ich meine Ängste aber eindämmen und habe ihn dann im Background begleitet. Das hat mir sogar ziemlich viel Sicherheit gegeben, was meine Stimme betrifft. Trotzdem begreife ich mich nicht nur als Musikerin, sondern immer noch auch als Schauspielerin und Performerin. Sobald ich auf der Bühne stehe, geht ein Knopf an. Ich erzähle kleine, witzige Geschichten. Oft plane ich das nicht, das kommt einfach so. Übrigens, hören Sie gerade die Geräusche über uns? Das ist mein kleiner Junge, der trippelt schon die ganze Zeit im Hotelzimmer über uns herum!
Oh, wirklich? Sie nehmen ihn mit auf Tour?
Ich nehme meinen Sohn immer mit. Man macht sich so seine Pläne, malt sich aus, wie die Dinge laufen sollen und dann kommt alles anders. Weil er viel zu früh zur Welt kam, hatten wir ziemliche Angst und wussten nicht, ob er das Ganze gut überstehen würde. Das ist eine große Belastung gewesen, er war an so viele Geräte angeschlossen und wochenlang in der Klinik. Aber es ist alles gut gegangen. Mittlerweile ist er fast drei Jahre alt.
Hat Ihre Mutter, die zwei Monate nach der Geburt ihres Enkels starb, ihn überhaupt kennen gelernt?
Ja, natürlich. Sie war bis zu ihrem Ende nicht nur eine wunderschöne und warmherzige Frau, sie hatte auch sehr viel Kraft und Willen. Sie hat uns besucht und sogar noch ihr obligatorisches Weihnachtskonzert mit Rufus und mir in London gegeben! Sie hat diese Konzerte geliebt und schon im April, Mai begonnen, Rufus und mich damit zu nerven, dass wir die Songfolge durchsprechen müssten. Es war auch ihre Art, uns Weihnachten alle um sich zu versammeln, glaube ich.
Ihre Mutter Kate McGarrigle hat ihren Kindern zuliebe auf die internationale Karriere verzichtet. War die Geburt Ihres Kindes ein ähnlicher Cut?
Ja, aber von einer anderen Art. Ich habe mich emanzipiert, was meine Musik betrifft. Ich habe jetzt mein viertes Album aufgenommen und wollte ganz bewusst nicht zu viel Zeit nach der Geburt meines Babys dafür vergehen lassen. Eigentlich sollte es eine stille Gitarrenplatte werden und ich war selbst überrascht, dass sie teilweise auch so aggressiv wurde. Wenn auch einige traurige Songs dabei sind. Das war eine so verwirrende Zeit, dass ich einen so unglaublichen Verlust erlitten hatte und gleichzeitig dieses unglaublich große Geschenk mit meinem eigenen Kind erhielt. Mit Arcangelo, so heißt mein Sohn, wurde mein Leben hell und es ist, als ob ich dieses Licht überall wiederfinde. Aber trotzdem konnte ich nicht nur über dieses Wundervolle schreiben, denn so viele andere Dinge sind ebenfalls passiert. Ich muss nun Verantwortung tragen. Ich kann meine Mutter nicht mehr um Rat bitten, sie ist nicht mehr da.
Sie haben sich noch mehr emanzipiert: Nicht mehr Ihr Mann Brad Albetta hat Ihr letztes Album produziert, sondern Sie haben dafür mit einer Frau zusammen gearbeitet, mit Yuka C. Honda. Können Sie einen Unterschied bei der Arbeit feststellen?
Kennen Sie Yuka? Sie ist eine großartige Musikerin. Sie hat sich zu Recht einen Namen unter anderem in Sachen Elektronischer Musik und Trip Hop Jazz gemacht. Wir haben das Album dann in Sean Lennons Haus hergestellt, er ist ihr Lebensgefährte. Mit einer anderen Frau zusammen zu arbeiten, war großartig. Ich hatte ein großes Bedürfnis danach, bemuttert zu werden. Wenn ich erkältet war, sagte sie: ‚Oh, du solltest deine Stimme schonen, wir machen morgen weiter.’ Es war auch toll, nicht die einzige Frau im Raum zu sein. Wir tranken vorher eine Tasse Tee und haben uns Sachen gesagt wie: ‚Ich mag deine Haare!’, und dann sind wir in den Aufnahmeraum gegangen und haben Männerarbeit gemacht! Haben an tausend Gerätschaften und Knöpfen gedrückt, unsere Instrumente ausgepackt und losgelegt. Das war ehrliches Handwerk. Das hört man dem Album auch an.

(Pic via Here is a story)