Christiane Arp im Interview

by Nella

lioness

Aphex Twin & Stakker: Westworld

Seit knapp zehn Jahren prägt Christiane Arp die deutsche Modelandschaft maßgeblich – als Chefredakteurin der deutschen VOGUE. Warum man für eine Tasche auch mal 3.000 Euro und mehr ausgeben könne, darauf würde sie vermutlich antworten: weil Mode nicht nur ein ebenso wichtiger Teil der Kultur ist wie Literatur, Musik und Kunst. Sondern “weil man die Kraft der Mode nicht unterschätzen darf.” Hier das vollständige Interview mit Christiane Arp.

Nella Beljan: Wann tritt der Moment ein, in dem Christiane Arp die Heels abstreift?
Christiane Arp: Wenn VOGUE Party macht! (lacht) Es stimmt, ich mag hohe Schuhe. Frauen bewegen sich darin anders, die Haltung verändert sich sofort. Andererseits finde ich Männerschuhe bei Frauen auch sehr sexy. Es gibt Zeiten, in denen ein flacher Schuh angemessen ist, an einem entspannten Wochenende etwa.

Sie haben mal über das Front (einem legendären Club in Hamburg) gesagt: „Gegen die Jungs sahen wir Mädchen alt aus.“ Haben wir, modisch gesehen, immer noch das Nachsehen?
Bestimmt nicht. Den Look, den ich im Front gesehen habe, kannte ich einfach noch nicht, das war neu. Die Jungs in dieser Szene hatten einen eigenen Stil entwickelt. Egal, was man modisch probierte: Man wusste, man war immer Zaungast. Das war eine tolle Position. Von dort hieß es nämlich: Alles ist möglich!

Wie entscheiden Sie, ob Sie etwas toll finden?
Ich versuche, allem Neuen gegenüber meine Unschuld zu bewahren. Man muss komplett unbedarft sein, sich frei machen von anderen und auch von den eigenen Vorstellungen. Das ist sehr wichtig, um seiner Emotion, und nur seiner Emotion, zu vertrauen.

Entscheiden Sie so auch, welcher Designer es zu Ihnen ins Heft schafft?
Das ist eine Mischung aus Gefühl und Erfahrung. Ich darf mich in meiner Einschätzung eines jungen Designers nicht irren. Denn die VOGUE ist ein Sprachrohr. Eins, das man nicht überhört.

Nach welchen Kriterien laden Sie in den VOGUE Salon, mit dem Sie Nachwuchs fördern, ein?
Genau so. Ich schaue mir so viel wie möglich an und folge auch Empfehlungen. Auf das deutsch-französische Designerinnen-Duo Augustin Teboul, zum Beispiel, wurde ich aufmerksam, weil eine meiner Assistentinnen mit Annelie Augustin befreundet ist und mir sagte, ‚Schau mal, die machen gerade ihre erste Kollektion, das könnte Dir gefallen’, und so bekam ich schon sehr früh ihre Entwürfe zu Gesicht.

Sie fördern den Nachwuchs engagiert. Bei der Jubiläumsausgabe der VOGUE waren Karl Lagerfeld, Bruce Weber und Peter Lindbergh Ihre Co-Chefredakteure. Warum haben Sie sich für so erfahrene Männer entschieden und nicht für jüngere Kandidaten?
Weil ich es so wollte! Das Wissen, das diese drei haben, ist von unschätzbarem Wert. Und mir ging es um die Idee: Diese Männer inszenieren und machen seit vielen Jahrzehnten Mode und ich wollte drei Menschen versammeln, die das Bild der VOGUE nachdrücklich geprägt haben.

Was halten Sie von der Mode-Blogger-Szene, welchen Einfluss hat sie?
Über jeden, der sich mit Mode beschäftigt, freue ich mich. Ich finde das grundsätzlich super. Und ich weiß, dass Print und Online voneinander profitieren können, deshalb arbeiten bei uns auch beide Redaktionen seit rund einem Jahr eng zusammen. Die Synergie-Effekte sind schon jetzt sehr gut. Aber ich plädiere für einen guten Journalismus – egal in welchem Medium. Es ist leider immer noch so, dass der in der Online-Welt oft leidet. Das fängt beim ganz Grundsätzlichen an. Und es gibt keinen Blogger, der annähernd eine ähnliche Bedeutung hätte wie eine Suzy Menkes. Das, was sie leistet, kann man nur machen, wenn man aus unglaublich viel Wissen schöpft.

Warum ist Mode denn wichtig und sollte die gleiche Relevanz wie bildende Kunst, Literatur oder Musik haben?
Wenn man Mode begreift, weiß man von der Macht der Mode. Wenn man gut angezogen ist, kommt man einfach besser durch den Tag. Sie fühlen sich selbstbewusster und stärker – und dabei geht es nicht darum, das neueste Teil anzuhaben. Für mich ist es zudem eine Form des Respekts vor meinem Gegenüber, mich schön anzuziehen.

Wie begegnen Sie dem Vorwurf der Oberflächlichkeit?
Ich darf mich als jemand, der sich professionell mit Mode beschäftigt, doch gar nicht an der Oberfläche bewegen. Die ganz großen kreativen Teams haben so viel an gesellschaftlichen und historischen Einflüssen in ihren Kollektionen, das ist nur spürbar und das kann ich nur beurteilen, wenn ich das Wissen habe, um diese Referenzen zu erkennen. Mode ist immer auch das Abbild der Zeit, in der wir leben. Das begreifen viele Menschen nicht, weil sie nicht richtig hinschauen oder es ignorieren.

Gibt es eine Kollektion, in der Sie diesen kulturellen Anspruch konkret umgesetzt finden?
Zentrale gesellschaftliche Einflüsse sind zeitgleich oft in Kollektionen mehrerer Designer zu sehen. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Haider Ackermann. Am Anfang war seine Mode für moderne Amazonen gemacht. Jetzt ist seine Arbeit eine romantische Ode an diese Frauen. Es ist toll, wenn ich so eine Entwicklung beobachten kann. Modedesign ist eine Gabe und benötigt ein großes Können. Es ist nicht nur eine Verschönerung von Oberflächen.

Wie sind denn die Deutschen darin, sind sie gut angezogen?
Es gibt nicht den einen deutschen Stil, es ist ein Konglomerat von unterschiedlichen Einflüssen. In München ziehen sich die Frauen anders an als in Düsseldorf oder Berlin.

Apropos: Passiert es Ihnen, dass Sie zwei Stunden mit jemanden zusammen saßen und dann vergessen haben, was derjenige trug?
Das passiert mir ständig!

Weil Ihr Grauen so groß war?
(lacht) Nein, das Grauen würde ich mir merken! Aber drehen Sie die Frage mal um, was passiert bei den Menschen, wenn sie wissen, dass sie auf mich treffen? Auf Christiane Arp, die Chefredakteurin von der VOGUE. Sagen Sie mir, was dann los ist!

Oh, sehr gern! Man steht morgens hochschwanger vorm Kleiderschrank und überlegt sich ganz genau, was man anzieht, weil man mit Ihnen telefonieren wird.
(lacht) Wann kommt denn Ihr Baby?

In weniger als vier Wochen.
Und was haben Sie an? Etwas, in dem Sie sich gut fühlen? Dann hätten wir ja skypen können!

Oh, dafür hätte ich noch mein Büro aufräumen müssen. Ich trage aber keinen Jogger! Obwohl, die Jogginghose wird ja völlig unterschätzt…
Ja, die Jogginghose ist komplett unterschätzt, denn wenn sie mir hilft mich gut zu fühlen, ist sie ein wunderbares Kleidungsstück. Ich muss nur lernen, damit umzugehen. Wenn man dem vermeintlich schlechtesten Teil genauso viel Anerkennung gibt, wie den Lieblingsstücken, dann entwickeln sie einen eigenen Stil. Ich trage sie zum Beispiel bei meinen Fotoproduktionen. So begann ich, Jogginghosen mit Anzugjacken, Maßhemden und Manschettenknöpfen zu kombinieren. Das kam automatisch, man sitzt viel auf dem Fußboden, weil man etwas richtet. Und auf einmal merkt man, wie toll diese Lässigkeit ist.

Mit welchen Fotografen arbeiten Sie gern zusammen?
Ich arbeite mit Peter Lindbergh sehr gern zusammen, Karl Lagerfeld ist sicher meine größte Inspirationsquelle, Daniel Jackson… als ich ihn kennenlernte, war er noch Assistent. Bei den Fotografen ist es wie mit den Kleidern: Diejenigen, die uns gefallen, kommen ins Heft.

Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Das ist ein 24/7-Prozess. Ich setze mich nicht hin und überlege. Oder wenn, dann entstehen daraus nicht die großen, maßgeblichen Entscheidungen. Die wirklich zündenden Ideen kommen, wenn ich gar nicht daran denke. Wenn ich jogge, wenn ich eine Wand sehe, an der die Farbe besonders schön abblättert und ich meinen Blick nicht abwenden kann. Inspiration ziehe ich auch aus meiner „Lieblingszeitschrift“, meine ganz eigene – eine Mappe, in der ich alles sammele, was mich interessiert: Artikel, Musikrezensionen, Gedichte oder Fragmente. Und in einem ruhigen Moment, zum Beispiel auf einem Langstreckenflug, schaue ich mir das an. Da entstehen meine Bilder im Kopf. Wenn dabei eine ganze Flut an Empfindungen evoziert wird, das ist das überhaupt Tollste!

(Das Interview erschien im Dezember 2012 im Fräulein Magazin.)