Marcel und Tosia Reich-Ranicki, Nachruf

by Nella

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Marcel Reich-Ranicki ist im September 2013 verstorben. Bei aller Frechheit (die zuweilen an Slapstick nicht zu überbieten war), die er etwa Sigrid Löffler gegenüber hatte: Vor allem schätzte ich seine unabdingbare Liebe zur Literatur. Der Glaube an die Kraft der Kunst war es auch, der ihn mit seiner Frau Tosia verband. Hochgebildet und weltläufig war sie nicht einfach ‚nur’ die Frau an der Seite des berühmtesten und wohl meist gefürchteten Literaturkritikers Deutschlands. Marcel und Tosia begegneten sich „auf Augenhöhe“.

Zu ihrem Tod vor zwei Jahren schrieb ich einen Nachruf. Und dieser würdigt das gemeinsame Leben des Ehepaares Reich-Ranicki, über das der Literaturkritiker Hellmuth Karasek sagte: “Ich habe einträchtigere Paare als ihn und seine Frau eigentlich nie erlebt.” Dabei war es nicht die Abwesenheit von Schmerz, welche die beiden glücklich machte. Es war offenbar etwas ganz anderes, welches ein festes Band zwischen den beiden schmiedete.

Warschauer Ghetto, das Jahr 1940. Pawel Langnas erträgt die Demütigungen und den Terror der Deutschen nicht mehr und erhängt sich. Teofila, seine Tochter, findet ihn. Sie versucht sofort, ihn von seinem Ledergürtel abzuschneiden. Das misslingt ihr jedoch. Rasch bittet sie die Nachbarn um Hilfe. „Geh sofort dahin, der Langnas hat doch eine Tochter, ihrer muss man sich jetzt annehmen“, entscheidet Helene Reich und schickt ihren damals 19-jährigen Sohn Marcel. Dieser sollte später als der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki berühmt werden.

„Kümmere dich um das Mädchen!“, hatte die Mutter ihrem Sprössling noch hinterher gerufen. „Ich habe diesen Satz, diese Ermahnung – Kümmere dich um das Mädchen! Das werde ich nie vergessen. Ich höre ihn noch heute“, erinnerte sich Reich-Ranicki in seiner Autobiographie „Mein Leben“. “Das Mädchen” wurde mit diesem Tag, dem 21. Januar 1940, seine Freundin und spätere Frau: Teofila Reich-Ranicki, oder Tosia, wie sie von allen liebevoll genannt wurde. Und diesen Satz, diese Ermahnung, wiederholte Helene Reich, als sie zwei Jahre später aus dem Warschauer Ghetto deportiert wurde, gegenüber ihrer Schwiegertochter: „Kümmere dich um Marcel.“

Diese Fürsorge für den anderen haben Tosia und Marcel Reich-Ranicki nie verloren. Nein, das Umeinander kümmern wurde zu dem, was sie niemals vergessen sollten, was sie stets miteinander verband. Und so begann auch ihre Liebesgeschichte. Die große Vertrautheit zwischen ihnen war sofort für alle Umstehenden spürbar.
„Ich habe einträchtigere Paare als Marcel Reich-Ranicki und seine Frau eigentlich nie erlebt“, hat Hellmuth Karasek, der Kollege aus dem „Literarischen Quartett“, das Marcel Reich-Ranicki mit ihm moderieren sollte, geschrieben. Es gibt ein Foto, das zeigt Tosia und Marcel Reich-Ranicki auf einem Empfang. Tosia kann kaum noch laufen und wird kurze Zeit später an den Rollstuhl gebunden sein, aber dieses immer elegante, hochbetagte Paar schreitet Händchen haltend durch den Festsaal. Da war es schon über 65 Jahre miteinander verheiratet. Was also selbst Außenstehende sofort wahrgenommen haben, war die liebevolle Herzlichkeit, völlig frei von jeder Gereiztheit, mit der die Eheleute einander bedachten.

Tosia Reich-Ranicki, obwohl selbst eine Künstlerin, eine Malerin, scheute fast ihr ganzes Leben lang die Öffentlichkeit. Zwar begleitete sie ihren Ehemann zu nahezu allen seinen Auftritten, doch hielt sie sich im Hintergrund. Waren aber die Kameras ausgeschaltet, zeigte sich in zahlreichen Gesprächsrunden, wie präsent sie war. Und dass sie die Diskussionen sehr wohl aufmerksam verfolgt hatte. Ihr Gedächtnis war phänomenal und so pflegte auch Marcel Reich-Ranicki auf Detailfragen zu antworten: „Das weiß Tosia.“

Hochgebildet und weltläufig war sie nicht einfach ‚nur’ die Frau an der Seite des berühmtesten und wohl meist gefürchteten Literaturkritikers Deutschlands. Er und Tosia begegneten sich „auf Augenhöhe“, sie „ließen sich nicht ohne einander denken“, wie Hellmuth Karasek weiter über sie schreiben sollte. Mit anderen Worten, auch Marcel Reich-Ranicki wurde zu dem, der er ist, weil Tosia an seiner Seite war. Er, die Brandung, sie sein Fels oder Anker, so wurde ihre Beziehung an prominenter Stelle interpretiert.

Was die Eheleute jedoch so entschieden auszeichnete, war ihr nicht zu erschütterndes Maß an Loyalität, wie Frank Schirrmacher in seinem Nachruf auf Tosia Reich-Ranicki geschrieben hatte, denn „es war die Ressource, die ihr Überleben und ihr Weiterleben möglich machte. In seinen Erinnerungen hat Marcel Reich-Ranicki der Liebe zwischen den beiden ein Denkmal gesetzt.

Jeder, der sie kannte, weiß, was es ihr bedeutete, mit ihm zusammen genannt zu werden: nicht wegen des Ruhmes, nicht wegen all der Orden und Auszeichnungen und Preise, sondern als „Trotzdem“. Zusammen genannt zu werden heißt: überlebt zu haben, obwohl die Gegner – und was für Gegner! erst Hitler, dann Stalin –, einen schon auf ihren Todeslisten führten.“

Die beiden haben nicht ‚nur’ überlebt, sie haben sich gegenseitig gerettet, und das mehrfach. Beim Schmierestehen im Ghetto, das Tosia als „Meisterin der Unauffälligkeit“ vorzüglich beherrschte, aber auch, als Tosia bereits in der Schlange für die Deportation nach Treblinka eingereiht wurde. In letzter Minuten gelang es Marcel, sie herauszuholen, doch was sie dort am eigenen Leib erfuhr und aus nächster Nähe sah in dem Kreis jener Todgeweihten, darüber schwieg sie ihr Leben lang.

Nicht einmal ihrem Mann wollte sie davon erzählen, doch etwas in ihr zerbrach in jenen Stunden, in denen sie vor den Viehwaggons, vielleicht schon in einem von ihnen, ausharrte, schrieb Reich-Ranicki in „Mein Leben“. Fortan sollte sie sich nie wieder davon erholen und jede Nacht davon träumen. Jede Nacht. Die nächsten siebzig Jahre. Ihr legendäres Gedächtnis funktionierte auch hier einwandfrei, nie erlebte sie die Gnade des Vergessens.

In ihren Aquarellen, die sie im Warschauer Ghetto heimlich anfertigte und auf abenteuerliche Weise hinausschmuggeln konnte, findet man den Schrecken, die Not und das Sterben im Ghetto: verhungernde Kinder, prügelnde Nazis, Menschen, die auf die jene so genannte ‚Selektion’ warten.

In dem Gespräch mit der polnischen Dichterin Hanna Krall, welche die Texte zu ihren Illustrationen verfasste, wies Tosia Reich-Ranicki auf eines ihrer Bilder. Dort, so sagte sie, seien sie und Marcel, nur einmal, abgebildet. Ganz klein und undeutlich zu sehen, halten sie einander an den Händen, während sie mit den letzten Bewohnern des Warschauer Ghettos auf die Deportation warten müssen. Tosia, die erneut in dieser Schlange steht, und ihr Mann. Sie hatten beschlossen, wenn dieser Moment käme, würden sie fliehen. Im letzten Augenblick zögert Marcel jedoch, denn er fürchtet die Schüsse der Wachmänner. Tosia aber packt entschlossen seine Hand und lässt sie nicht los. Die Flucht gelingt, sie können sich bei einer polnischen Familie verstecken und überleben den Krieg.

Mit ebenjener Beherztheit, mit der Tosia ihren Mann entschlossen aus der Schlange zerrte, als dieser zögerte, hatte sie Monate vorher ein Fluchtangebot einer Tante, die sie aus dem Ghetto retten wollte, ausgeschlagen. Denn sie sollte alleine fliehen und ohne zu zögern oder es mit Marcel zu besprechen, schlug sie dieses Angebot aus. Sie wollte ihren Mann nicht verlassen. Auch später, nach dem Krieg, als der polnische Geheimdienst sie zwingen wollte, sich von Marcel scheiden zu lassen, weigerte sie sich standhaft.

Tosias Nerven waren jedoch angeschlagen, sie erlitt einen Nervenzusammenbruch und insbesondere die ersten Jahre nach ihrer Flucht (aus dem kommunistischen Regime weg) nach Deutschland, waren überschattet von dieser Krankheit. Marcel Reich-Ranicki verlor kaum ein Wort darüber und auch in den Nachrufen ist davon wenig zu lesen, so diskret wurde das behandelt.

Als Tosia jedoch mit 90 Jahren starb, sagte Marcel Reich-Ranicki, sie sei an Deutschland gestorben. Und meint wohl die immerwährende Furcht, es könne ihr etwas geschehen. Diese Furcht sollte nie vergehen. Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus schrieb einmal zu Recht über den Dichter Paul Celan, dem ständig von allen Seiten Verrücktheit und Verfolgungswahn ‚attestiert’ wurde: Angesichts des Verrats durch Freunde, Bekannte und Nachbarn, angesichts der jahrelangen, ständigen Bedrohung mit dem Tod, angesichts des Mitansehens von Exekutionen und des Siechens in den Ghettos, wäre es eher unnormal, sich hernach nicht gefährdet zu fühlen.

Was Tosia und Marcel Reich-Ranicki im Warschauer Ghetto erlebten, war die Verquickung von Liebe, ständiger Todesangst und Kunst. „Die Liebe wurde zu einem Narkotikum, mit dem wir unsere Furcht betäubten“, schrieb Marcel Reich-Ranicki, und die Literatur, aber insbesondere die Musik, half ihnen dabei.

Das Allegro Molto aus Beethovens Quartett Opus 59, das besonders häufig im Warschauer Ghetto gespielt wurde, diente als Anfangsmusik des „Literarischen Quartetts“. Die Auswahl dieses Stücks war ein Zeichen für all jene, die umgebracht wurden, aber eben auch ein Liebesgruß an Tosia, die das Ganze mit ihm gemeinsam überlebt hatte.

Seine kompromisslose Haltung gegenüber der Kunst sollte sie teilen. Literatur dürfe nicht nur unterhalten, sie müsse es sogar, sagte Marce Reich-Ranicki einmal. Denn auch Tosia hatte diesen Horror vor Langeweile.

„Lebe dein Leben so, dass die anderen sich langweilen, wenn Du gestorben bist“ sagte jener polnische Dichter Julian Tuwim, den sie so schätzte.

Tosia stand meist schweigend neben ihrem Mann, exquisit gekleidet, mit einem feinen Humor ausgestattet und ständig eine von ihren Mentholzigaretten rauchend. Eva Demski, die Schriftstellerin, hatte zu Tosia Reich-Ranickis 90. Geburstag geschrieben: „Ich glaube, wenn sie im Buckingham Palace oder im Kölner Dom eine rauchen wollte, würde die Queen oder der Bischof ihr bereitwillig einen Aschenbecher bringen. So ist sie.“

Als sie zufällig zwei Bände eines polnisch-deutschen Lexikons in einem Museum entdeckte, klaute sie diese ohne mit der Wimper zu zucken, weil sie wusste, dass ihr Mann diese jahrelang vergebens in Antiquariaten gesucht hatte. Völlig unverfroren stopfte sie die Riesenschinken in ihre Handtasche und stolzierte damit, ihren kleinen Sohn an der Hand, aus dem Museum.

Und trotz dieses Mutes und Tatendranges, ihre eigenen Bilder wollte sie nie veröffentlichen. Als Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns 1920 in Lodz geboren, hatte sie bereits als junges Mädchen Europa bereist und vor, Kunst in Paris zu studieren. Stattdessen wurde sie ins Warschauer Ghetto verschleppt. Ihre dort heimlich angefertigten Zeichnungen publizierte sie erst knapp 60 Jahre später, da war Tosia Reich-Ranicki 80 Jahre alt.

Sie entschloss sich erst zur Veröffentlichung ihrer Bilder, als auch ihr Mann sein Schweigen brach. Jahrelang hatte Tosia ihn davon zu überzeugen versucht, das Erlebte aufzuschreiben, doch Marcel Reich-Ranicki fürchtete sich vor den Erinnerungen. Zu schrecklich waren viele Jahre, insbesondere jene, in denen sie unter Deutschen gelitten hatten. Als er sich ein Herz fasste, überließ auch Tosia ihre Zeichnungen der Öffentlichkeit. Auch die Kladde mit einer Auswahl aus „Dr. Erich Kästners lyrischer Hausapotheke“, die sie per Hand abschrieb und mit Illustrationen versah, um den von Marcel Reich-Ranicki ersehnten, im Ghetto jedoch nicht auftreibbaren Band, zum 21. Geburtstag zu schenken, wurde erst im Jahr 2000 veröffentlicht. Ebenfalls ein Zeichen ihrer Zuneigung und des Trosts, welche die Kunst ihnen spendete.

Nach dem Krieg fing Tosia zwar an, an einer Kunstschule zu studieren. Doch sie musste das Studium bald abbrechen und arbeitete stattdessen als Übersetzerin und Journalistin. Denn jeder Pinselstrich wurde eingetaucht in die Erinnerung an das Vergangene und so wollte es ihr nicht gelingen, wieder zu malen.

Das Eheleben der Reich-Ranickis war also sicherlich nicht frei von Leid. Ziemlich eindeutig beschreibt Marcel Reich-Ranicki auch in seiner Autobiographie, dass er, gelinde formuliert, dem weiblichen Geschlecht sehr zugetan war. Er berichtet in wenigen Absätzen davon, dass er Tosia mit anderen Frauen betrog. Auf die Frage, ob sie eifersüchtig sei, hatte Tosia einmal geantwortet: „Ich bin nicht der eifersüchtige Typ. Außerdem, in einem langen Leben passiert ja so viel.“ Mit wieviel Würde sie jene Kränkungen hinter sich ließ, ist mehr als respektabel. Die Erfahrungen, die sie mit jener Würde zu tragen wusste, möchte man jedoch gewiss nicht machen.

Es ist es also nicht die Abwesenheit von Kummer, die das große Glück dieser Beziehung ausgemacht hat. Diese Liebe begann sogar mit der Todesfurcht, die ‚Flitterwochen’ verbrachte das junge Ehepaar in ständiger Angst vor der Deportation. Aber eines, das war immer klar. Die Entscheidung für den Anderen.

„Meine Frau konnte sich nie vorstellen, dass sie mich allein lässt. Und ich konnte mir nie vorstellen, dass ich sie allein lasse. Und so sind 67 Jahre vergangen“, sagte Marcel Reich-Ranicki 2009. Fast siebzig Jahre also sollte das nun so bleiben. Bis Tosia Reich-Ranicki am 29. April 2011 in Frankfurt am Main verstarb.

(Artwork by Raphael Danke)

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