FormaFantasma

by Nella

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Le Orme: Senti l’estate che Torna

Heute ist eitel Sonnenschein in Berlin, demgemäß ist Meditarrenes angesagt. Zuerst deshalb der großartige Italo-Song mit ordentlich Schmiss von Le Orme. Nie von der Band gehört, aber das Lied kann was. Und weil das ebenfalls italienische Design-Duo FormaFantasma vor Kurzem einen der angesehenen “Icon Awards” gewonnen hat, hier mein Potrait über Simone Farresin und Andrea Tremarchi, das im schönen “Objects Journal” erschien. Die beiden Designer reichten ihre Bewerbung für ihr Masterstudium bereits als Team ein und lösten damit an ihrer niederländischen Uni in Eindhoven eine kleine Revolution aus. Dabei wollten sie den bewussten Bruch mit dem italienischen Perfektionsästhetizismus. Ziemlich schön sind die Dinge aber immer noch, die FormaFantasma herstellen, mitunter auch mit so ungewöhnlichen Ingredienzien wie Tierblut und Insektenexkrementen. Obendrein sind FormaFantasma politisch engagiert bei ihrer Arbeit. Wie das geht? Lest es im Folgenden. Voilà.

“Etwas ungewöhnlich ist es schon. Um Alternativen für Plastik zu finden, durchforsten FormaFantasma, ein italienisches Design-Duo, alte Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Dabei stoßen Simone Farresin und Andrea Tremarchi auf Verfahren für die Herstellung von Kunststoffen, die nur aus pflanzlichen und tierischen Materialien bestehen. Mit der Massenproduktion verschwanden diese Stoffe jedoch vom Markt. Kurzerhand werfen FormaFantasma einen Kittel über und begeben sich selbst ins Labor, um ebenjene verdrängten Polymere herzustellen. Dafür benötigen sie neben ‚harmlosen’ fossilen Harzen auch Insektenexkremente und Tierblut. Mit Alchemie hat das jedoch nichts zu tun. „Wir sind keine Techniker“, betont Simone Farresin. „Bei unseren Arbeiten schauen wir einfach über unsere Disziplin hinaus, deshalb gingen wir etwa für „Botanica“ ins Labor. Aber wir wollen niemals dabei enden, eine technische Übung zu vollführen, wir sind auch keine kühlen Minimalisten. Wir wollen, dass das Material ein Gefühl auslöst.“

Die Objekte, die Andrea Trimarchi und Simone Farresin herstellen, sind von einnehmender Schönheit. Sie alle zeugen nicht nur von großem ästhetischen Empfinden und Funktionalität. Das Bewusstsein für soziale, ökologische, technolgische und vor allem politische Veränderungen, das FormaFantasma mit seinen konzeptionellen Arbeiten darüber hinaus in den Fokus nehmen, gab MOMA-Kuratorin Paola Antonelli und New York Times Kritikerin Alice Rawsthorn Anlass, sie an Nummer Eins der 20 vielversprechendsten jungen Designer zu wählen. (…)

Bei ihrer Gefäße-Serie “Botanica” zollten sie einer alternativen Herstellung optischen Tribut, indem sie Elemente und Formen nutzten, die an Pflanzen und Blätter erinnern, während die Farben eine warme
Palette von Bernsteintönen bilden, gespickt mit traditionellen Materialien wie Holz, Keramik und Metall. Dabei sehen die Objekte archaisch und modern zugeleich aus. “Ziel war, die Zeit aufzulösen. Man sollte nicht in der Lage sein, die Objekte zuzuordnen und dingfest zu machen,“ erläutert Simone Farresin.

Andererseits ist Tradition ein wichtiges Thema bei FormaFantasma. Mit „Autarchy“, einer Kollektion aus Schalen, Schüsseln und Karaffen, aber auch Vasen und Lampen, verbeugen sie sich vor der sizilianischen Backwerks- und Lebenskunst. Als eine Dürreperiode das mittelalterliche Italien befiel, beteten die Menschen aus der kleinen Stadt Salemi im Südwesten Siziliens zu ihrem Schutzpatron, dem Heiligen Joseph. Er möge es regnen lassen, um sie vor dem sicheren Hungertod zu bewahren. Als dies geschah, bedankten sich die Anwohner Salemis fortan mit einem riesigen Fest, bei dem sich die Bäcker auch heute noch mit allen nur erdenklichen Brotformen überbieten, die an langen Tafeln in der Stadt verspiesen werden. FormaFantasma waren davon ziemlich beeindruckt. „Daraufhin wollten wir einen Gegenentwurf zur Massenproduktion entwickeln, bei dem eine Gemeinde utopiaähnlich auf die Güter außerhalb der Kommune verzichtet und einzig vom Selbstangebauten und –hergestellten lebt.” (…)

Alltagstauglich ist auch der riesige Teppich, den FormaFantasma entworfen haben. Für den Luxusteppichfabrikanten “Nodus”, zu dessen wirtschaftlicher Maxime die Einhaltung und Überprüfung ethischer Produktionsbedingungen zählen, hat das Design-Duo die Teppichkunst neu interpretiert. Dabei haben sie z.B. barocke Rosenmotive und Vögel aufgegriffen: „Uns ging es darum, etwas herzustellen, das mächtige Gefühle auslöst, deshalb haben wir uns für gigantische Maße entschieden. Wenn man die Teppiche auf Bildern sieht, dann fallen einem die klassischen Motive wie die Vögel auf. Traditionell sind sie eher zierlich und niedlich. Wir aber wollten, dass unser Vogel einem den Atem raubt, wenn man vor ihm steht. Als wir das dann selbst das erste Mal im Original sahen, waren selbst wir ziemlich beeindruckt, obwohl wir uns ja den Effekt überlegt hatten.“ Die Teppiche aus „Migration“, meist hängend gezeigt, sind dezidiert als Liegeware gedacht, um sich in den Federn des Vogels gedanklich fortzustehlen. „Wild und befreiend wollen wir das älteste aller menschlichen Bedürfnisse ausdrücken. Auf dem Rücken des Vogels zu Neuem und Unbekannten zu streben, während man sich auf seinem Teppich zuhause ausruht.“

FormaFantasma ist es wichtig, Dinge herzustellen, die eine Funktion erfüllen. Gleichzeitig wollen sie diese Funktion hinterfragen. Designobjekte sind begehrlich und schaffen Begehrlichkeiten. Aber brauchen wir sie wirklich? Warum? (…) Wie kann man den Fokus auf politische Themen und ökonomische Probleme lenken, auch wenn man ‚nur‘ Vasen entwirft? (…) Die Vasen, die FormaFantasma etwa für ihre Kollektion „Moulding Tradition“ hergestellt haben, sind Gefäße aus runden Formen, die mit Fotos von afrikanischen Gesichtern versehen wurden. „Italien rühmt sich sehr mit seinem Vasen-Kunsthandwerk, es kam aber über die Mauren her und ist damit erst ein grundsätzlicher Bestandteil italienischer Kultur geworden. Das wird aber gar nicht mehr hinterfragt, sondern als typisch italienisch angesehen. Wir haben also diesen dominanten afrikanischen Einfluss, den wir überhaupt nicht mehr wahrnehmen, und daneben die illegalen Einwanderer und Asylsuchenden, die über Lampedusa nach Italien kommen und ziemlich viel politischen Zündstoff bieten, in den Fokus gerückt. Auf diesen Missstand wollten wir aufmerksam machen.“ (…)

Auszüge aus: Nella Beljan: FormaFantasma. Die neuen Aufklärer. In: Objects Journal (5) 2012, S. 120-127.

(Music via Meggi, das Bild oben ist ein Detail des von FormaFantasma designten Teppichs der Firma Nodus)