Serendipity

by Nella

Brigitte, wartend oder Die wunderbare Leichtigkeit des Seins

(für J.)

Serendipity, das Glück oder die glückliche Fügung, bedeutet, nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen und die Tochter des Farmers zu finden“, so die weisen wie ziemlich humorvollen Worte des amerikanischen Wissenschaftlers Julius Comroe, welche diesem Magazin vorangestellt sind. Die Liebesgeschichte von Brigitte und Bernd erzählt genau von diesem kleinen, feinen Stück Serendipity.
Wir schreiben das Jahr 1970. Brigitte steht im Park und wartet auf Albert. Albert kommt und kommt einfach nicht. Also wartet Brigitte noch ein wenig, schließlich mag sie Albert und kann sich nicht erklären, warum er auf einmal aufgehört haben sollte, sie treffen zu wollen. Sie wartet zwar vergebens auf Albert, aber eben nicht vergebens. Denn irgendwann spaziert Bernd an ihr vorbei. Gemeinsam mit einem Freund will er an diesem schönen Sommertag Federball spielen, als er Brigitte – wartend – erblickt. Ich weiß nicht, ob Bernd ahnt, dass jene Dame gerade versetzt wurde. Er ergreift jedenfalls die Gelegenheit und Brigitte wiederum nimmt seine Einladung an, obwohl oder vielleicht gerade weil er sie so unverblümt fragt, ob sie mit ihm spielen wolle.
Sie verbringen den Nachmittag gemeinsam. (…) Dreißig Jahre später noch, längst miteinander verheiratet, mehrere gemeinsame Kinder in die Welt gesetzt und großgezogen, freut sich Brigitte darüber, Bernd an jenem Nachmittag getroffen zu haben, obwohl sie vermeintlich auf Albert gewartet hatte.
Ihre ersten Urlaube verbringen Brigitte und Bernd immer zu zweit. Auf den Fotos sieht man ein Paar, das gar keine Lust hat, Außenstehende danach zu fragen, ihr Miteinander zu dokumentieren. Sie lichten sich immer gegenseitig ab, blicken den anderen an, der fotografiert, werfen sich für ihn in Pose oder schauen ihm dabei zu, wie er all das für sie, für das Archiv ihres Verliebens, so macht vor der Kamera. Nie sind sie deshalb gemeinsam auf den Bildern zu sehen (…). Später sind ihre Kinder wie im Leben so auch auf den Fotos dazugekommen, aber auch hier fotografieren sich Brigitte und Bernd weiterhin immer gegenseitig und fragen keinen Umstehenden, ob er ein Bild von der Familie machen könne.
Ob diese Liebesgeschichte sich heute, 2012, so wiederholt hätte? (…) Ich glaube: ja. Brigitte und Bernd hätten sich trotzdem kennen- und liebengelernt. Es gibt Menschen, die sind in der Lage, auf ihr Herz zu hören. Das heißt: Die offen dafür sind, etwas zu finden, obwohl sie gar nicht danach gesucht haben. Oder sogar komplizierter noch: Die etwas anderes gesucht haben, aber als sie dann voreinander standen, aufhörten, verbissen an dem Erwarteten festzuhalten und sich auf das Unerwartete einließen.
Liebe braucht seinen Gründungsmythos. Brigitte und Bernd gehören also zu den Glücklichen, die ihn haben: Die Kennenlern-Geschichte, die man seinen Kindern noch gerne erzählt. Die Momente, die einen zum Lächeln bringen, selbst in Zeiten, in denen von der Romantik der erste Stunde weniger zu spüren ist oder in denen man dem anderen vor Wut die hässlichsten Vokabeln, mindestens!, hinterherdenkt.

Erinnern hat dabei gar nicht so viel mit der Wahrheit zu tun, wie sich etwa die erste Begegnung so genau zugetragen hat. Erinnerung ist das, wie man das Geschehene bereit ist abzuspeichern, es zu tradieren.
Deshalb ist der Gründungsmythos so etwas wie das Herzhandgepäck der Liebe. Nicht auszudenken, wie oft man schon jenen entscheidenden Moment verpasst hat, weil man viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt war. Weil einem bei der Suche nach der Nadel im Heuhaufen das offensichtlich Wesentliche, die Farmerstochter, entging. Weil man vor lauter Suchen das simple Finderglück aus den Augen verloren hat. Weil man sich vor lauter Fragen, Idealvorstellungen, Masterplänen oder ängstlichem Fragen, ob es das Richtige sei, überhaupt nicht auf die schönen Momente besinnen kann, sondern alle Aufmerksamkeit an jenem Zaudern vergeudet.
Meine Mutter hat mir dazu einen Satz geschenkt, einen Schlüssel fürs Leben: „Mein Kind, das Glück ist dafür da, um es mit beiden Händen festzuhalten. Und nicht, um es fortzugeben und zu schauen, ob es wiederkommt.“ (…)
Eine zweite, daran gekoppelte Weisheit gesellte sich dazu. Dass zum Glück gehört, dass man auch von ihm gefunden werden möchte. Da kann man niemandem auf die Sprünge helfen, außer sich selbst.
Als ich mich das vorletzte Mal verliebte, waren es die kleinen Gesten, die mich rührten. Und als ich mich das letzte Mal verliebte, in unseren kleinen Sohn, der in etwa dreieinhalb Monaten auf die Welt kommt, da musste ich sofort an die schönen Momente denken, die das, was passieren würde, vielleicht schon irgendwie vorhersagten. Ich weiß, dass ich mich deshalb auch sofort unbändig freute, als ich bemerkte, dass ich den Kleinen bekäme – obwohl ich erst in ein paar Jahren Kinder wollte. Aber ich kam ohnehin nicht an gegen dieses winzige Wesen, dass bereits in mir pochte.

So ist die Liebe, wenn man sie zulässt: völlig unvernünftig in ihrer Vernunft. Bei allem Neuordnen und Umorientieren packte mich eine nicht abreißende, unbändige Freude auf das Unerwartete und es ist, als wirke diese Leichtigkeit irgendwie ansteckend oder anziehend. Ich musste auch immer lachen und an die Worte meiner Mutter denken: Das Glück ist dafür da, um es mit beiden Händen festzuhalten. Nicht, um es loszulassen und zu sehen, ob es wiederkommt. Die wunderbare Leichtigkeit des Seins, Serendipity. Das, was Glück ist. Wie ich zu J. kam. Oder wie Brigitte, wartend, Bernd traf.

(Der gesamte Essay ist erschienen in: Serendipity. Hrsg. v. Isabell Seifert. Berlin Nr. 1, Sommer 2012. S. 76-81. Das Bild oben ist Teil der Installation von Ben Aranda und Chris Lasch, 20 Bridges for Central Park.)