Pip Brown, Ladyhawke: Interview

by Nella

Und noch ein Text von mir, der gerade erst erschienen ist. Das Interview mit Philippa ‘Pip’ Brown aka Ladyhawke. Die Musikerin hat sich nach dem Michelle-Pfeiffer-Fantasy-Film “Die Tage des Falken”, im englischen Original Ladyhawke, benannt. Die 27-jährige Neeseeländerin ist nicht nur hypermusikalisch. Vor einigen Jahren wurde bei ihr auch das Asperger Syndrom (das zum Autismus Spektrum zählt) diagnostiziert. Manche Forscher gehen davon aus, dass Autismus und Hochbegabungen ohnehin zusammenhängen, nicht alle Asperger weisen jedoch Hochbegabungen auf. Es war ziemlich beeindruckend, wie Pip Brown mit ihrer großen Schüchternheit umgeht. Während des Gesprächs habe ich versucht, sie nicht lange anzuschauen, bis sie lachend fragte, ob ich vielleicht auch Asperger hätte. So kann’s gehen mit der Solidarität! Hier das Gespräch, das mir sehr gut gefallen hat, in Auszügen.

Nella Beljan: In einem ihrer Lieder singen Sie: ‚I saw you dancing with a girl like me’. Was für eine Art von Mädchen sind Sie denn?
Pip Brown: Ich kann das nicht so genau sagen. Ehrlich gesagt habe ich mir in dem Lied vorgestellt, wie der Mann mit mir tanzt. Ich kann mir niemanden sonst als mich vorstellen. Ich bin halt ich und weiß nur, wie ich mich fühle. Ich finde das sehr schwer, mir vorzustellen, wie andere mich einschätzen.

Nella Beljan: Und wenn Sie daran denken, wie Ihre Mutter Sie beschreibt?
Pip Brown: Als sehr ruhig und schüchtern. Und besessen von Musik. Meine Mutter ist ziemlich stolz auf mich.

Nella Beljan: Was das Äußere betrifft ist auffällig, dass Sie Männerkleidung tragen. Angeblich machen Sie das, um die Geschlechtergrenzen aufzuweichen.

Pip Brown: Ja, das stimmt. (…) Ich mag diese Gender-Limitierungen nicht. (…) Ich selbst habe da als Kind ziemlich drunter gelitten. Also ziehe ich mittlerweile gar keine Frauenkleidung an. Von den Stiefeln über die Jeans bis hin zum Pulli trage ich ausschließlich Männersachen. Das ist mein Protest.
(…)
Nella Beljan: Gerade wegen Ihrer Outfits gelten Sie als modisches Vorbild. Macht Sie das nicht noch nervöser? Sie sollen ohnehin ziemliches Lampenfieber haben.
Pip Brown: Ja, ich bin dann dermaßen aufgeregt, dass ich mich schlagartig krank fühle. Oft muss ich mich übergeben, so schlimm ist das. Ich ertrage vor meinen Auftritten auch keinen Lärm und überhaupt keine Geräusche oder Menschen um mich herum. Manchmal bin ich sogar mitten in einer Show von der Bühne gerannt.

Nella Beljan: Was machen Sie, um sich zu beruhigen und in welchem Moment hört die Nervosität manchmal auf?
Pip Brown: Ich trinke Bier. Alkohol beruhigt mich und lockt mich irgendwann aus meinem Schneckenhaus hervor. Ich rauche nicht, ich weiß mit 27 nicht einmal, wie eine Zigarette schmeckt und habe auch noch nie andere Drogen probiert. Aber Alkohol hilft mir. Dann bitte ich alle Leute um mich herum, mich alleine zu lassen. Und kauere mich wie ein kleiner Igel zusammen. Damit schirme ich mich von Lärm und Licht und Außen ab. So bleibe ich, bis ich auf die Bühne gehe. Manchmal hört das Lampenfieber auf, sobald ich vorm Mikro stehe. Manchmal aber auch nicht. Dann schaue ich auf den Zettel mit der Songfolge und denke: ‚Oh, Gott, noch so viele Lieder’ und kann es kaum erwarten, sie alle hinter mir zu haben.

Nella Beljan: Sie haben Bühnenangst, sind äußerst schüchtern und mögen Blickkontakt nicht so gern. Schauen Sie dann bei den Shows überhaupt in die Gesichter im Publikum?
Pip Brown: Wenn ich auf der Bühne stehe, sehe ich meine Fans gar nicht. Das überfordert mich. Meist schließe ich auch die Augen, wenn ich meine Songs singe, das beruhigt mich ebenfalls ungemein. Ich kommuniziere auf der Bühne höchstens mit den vorderen, ersten Reihen der Konzertbesucher, da stehen immer die Hardcore-Fans. Dass sie meine Musik und mich sehr mögen, flößt mir Ruhe und Selbstvertrauen ein, da kann ich ihnen ins Gesicht blicken.

Nella Beljan: Vor einigen Jahren wurde bei Ihnen das Asperger festgestellt, das zum Autismus Spektrum gezählt wird und auch als Wrong Planet Syndrom (Anm.: Menschen mit Asperger fühlen sich oft, als seien sie auf dem falschen Planeten, da sie die Verhaltensweisen und emotionalen Konventionen der anderen nicht verstehen) bezeichnet wird. Waren Sie froh, als sie einen Namen dafür hatten, dass Sie sich anders fühlten? Hat sich damit etwas für Sie verändert?
Pip Brown: Ja und nein. Auf der einen Seite war ich irgendwie erleichtert, weil auf einmal klar war, wieso ich schon als Kind immer so ruhig war oder mich stundenlang mit Puzzlespielen beschäftigt habe. Für meine Mutter und mich gab es viele Aha-Erlebnisse, wenn wir von den Symptomen lasen. Aber eigentlich war es für mich persönlich nicht so wichtig. Ich bin halt ich und nun habe ich einen Namen für einige Phänomene an mir, die andere seltsam finden. Es weisen aber so viele Menschen diese Verhaltensweisen auf. Ganz bestimmt sehr viel mehr, als in den Statistiken auftauchen. Ich beobachte das ja schon an meinen Freunden und den Leuten um mich herum und denke: Die haben auch alle Asperger und sollten zum Arzt gehen.

Nella Beljan: Was würde sich dann ändern? Warum wäre es gut, zum Arzt zu gehen?
Pip Brown: Stimmt. Sie haben Recht. Die müssen nicht zum Arzt gehen. Mir haben die Tourneen und der Job geholfen. Dadurch treffe ich auf so viele fremde und unterschiedliche Menschen und habe schon viel besser gelernt,  mit bestimmten Situationen umzugehen. Mein Leben hat sich, als bekannt wurde, dass ich Asperger habe, nämlich ganz schön verändert, das mochte ich gar nicht. Weil auf einmal diese große mediale Aufmerksamkeit da war und ich nur noch auf das Asperger festgelegt wurde, als sei das und nur das meine Identität. Asperger ist nicht meine Identität. Es ist nur ein Teil meiner Wahrnehmung.
(…)
Nella Beljan: Wie funktionieren Partnerschaften bei Ihnen? Können Sie Nähe zulassen?
Pip Brown: Ich brauche ziemlich lange, bis ich mich auf jemanden einlasse. Aber wenn ich erst einmal vertraue, dann genieße ich Nähe und möchte gern Zeit mit diesem Menschen verbringen und ihn um mich herum haben. Das wird mir dann sehr wichtig. Umarmungen und Gedrücktwerden mag ich aber auch heute noch nicht so gern.

Nella Beljan: Sie waren bestimmt schon in vielen merkwürdigen Situationen, weil Sie Umarmungen nicht so mögen, oder?
Pip Brown: Ja, absolut! Ich habe damit immer wieder komische Erlebnisse und daran merke ich ganz besonders, dass ich offenbar anders bin. Besonders hier in Europa. Hier umarmt man sich ständig, sogar zur Begrüßung, auch wenn man sich gar nicht so gut kennt!

Nella Beljan: Und Küsschen rechts und links!
Pip Brown: (lacht) Ja, das ist der Horror für mich! Ich habe zum Beispiel einmal einen sehr netten Mann kennen gelernt. Ich glaube, er war Italiener. Und dann sehe ich ihn das zweite Mal und er wollte mich offenbar mit Küsschen auf die Wangen begrüßen. Mir war das aber nicht klar. Ich werde nie vergessen, wie er auf meine ausgestreckte Hand starrte, als sei sie ein Alien. (lacht) Er sagte mir dann, dass man sich bei ihm anders begrüße. Also musste ich, mittlerweile völlig verstockt, ihm auch noch ein Küsschen auf beide Wangen geben. Das war schrecklich! (lacht wieder)
(…)
Nella Beljan: Sie sollen ziemlich viele Instrumente spielen.
Pip Brown: Haben Sie gelesen, es seien zehn? Das stimmt nämlich nicht! (lacht) Es sind schon ein paar Instrumente, die ich spiele und auf meinen Alben nehme ich am liebsten alles alleine auf. Aber ich finde es auch toll, eine Band zu haben, das macht ziemlichen Spaß. Auf der Bühne spiele ich meist Gitarre und singe. Aber eigentlich sind die Drums mein Instrument. Manchmal bin ich bei Auftritten auch ein bisschen neidisch, weil ich gern am Schlagzeug sitzen würde und richtig reinhauen könnte. Ansonsten ist es aber wunderbar, mit Band zu touren.

Nella Beljan: Meinen Sie, Sie haben es dem Asperger zu verdanken, dass Sie sich dermaßen vertiefen können und so intensiv mit Musik beschäftigen?
Pip Brown: Das kann sein. Aber ich weiß es nicht. Wie ich anfangs gesagt habe: Ich bin wie ich bin und ich kann nur sagen, wie es ist, ich zu sein. Nicht, wie es wäre, wenn ich jemand anderes wäre. Und wissen Sie was? Ich mag das eigentlich auch.

(Das ganze Interview: Nella Beljan: Durchstarter. Ladyhawke: Asperger ist nicht meine Identität. In: Fräulein Magazin Nr. 7 (2012), S. 45f. Pic via Twisterella: Stillifequickheart)