Glücklich verschlang ich einen Stern

by Nella

Róisín Murphy: Through Times

Ich war 16 als Hundert Freuden ins Deutsche übersetzt endlich als Taschenbuch herauskam und Wisława Szymborska meine absolute Heldin. Gestern ist die große polnische Dichterin im Alter von 88 Jahren verstorben.

Anflug
In diesem Frühjahr kamen die Vögel wieder zu früh zurück.
Freu Dich Vernunft, auch der Instinkt also irrt.
Er übersieht was, vergafft sich, und schon fallen sie in den Schnee
und kommen erbärmlich um, verkommen, ungeachtet
der Konstruktion ihrer Kehlen, ihrer winzigen Krallen,
ihrer redlichen Knorpel, der zuverlässigen Schleimhaut,
der Zuflüsse zu ihrem Herzen, des Labyrinths der Därme,
der Schiffe von Rippen und Wirbeln in lichten Zimmerfluchten,
ihres Gefieders, das würdig wär’ eines Pavillons im Museums jeglichen Handwerks,
und des Schnabels von der Geduld eines Mönchs.

Ich klage nicht, ich empöre mich nur,
dass ein Engel aus wahrem Eiweiß,
ein Springinsfeld mit Drüsen vom Lied der Lieder,
einzeln in Lüften, ungezählt in der Hand,
Zelle für Zelle vereint zur Gemeinsamkeit
von Raum und Zeit, wie ein klassisches Stück
im Applaus der Flügel –
fällt und sich neben den Stein legt,
welcher auf seine archaische Weise
aufs Leben hinabblickt wie auf verworfene Experimente.

“Über Szymborskas Poetische Kunst zu schreiben ist für den Kritiker eine dankbare Aufgabe. Nicht zuletzt deshalb, weil die Dichterin diese Kunst quasi verborgen hält, als ob sie sie verheimlichen (…) wolle. (…) Ihre Sprache lebt von Elementen der Umgangssprache, ihre Poesie folgt den Idealen der Mittelbarkeit und der Natürlichkeit. Von der eigenen Kunstfertigkeit lenkt sie ab, indem sie diese durch einen Scherz oder durch Selbstironie bagatellisiert; oder aber, indem sie sie auf eine derart perfekte Art funktionalisiert, dass sie fast unsichtbar wird. (…) Der Individualismus ist nicht nur Strukturprinzip dieser Poesie, sondern auch ein Moralprinzip. Szymborska – und das ist eine der trotzigsten Tendenzen ihrer Dichtung – nimmt den Menschen in Schutz: vor dem Verlorengehen in der Masse, vor der Versklavung und Verdinglichung durch Staaten und Mächte, vor dem Gefängnis der Grenzen, Statistiken und Formulare, vor dem Verschwinden in der großen Zahl.”

Zit. aus: W. Szymborska: Hundert Freuden. Nachwort von Jerzy Kwiatkowski, S. 205-217. Hier: S. 208-210. Frankfurt/M. 1996.

(Artwork by Tim Etchells via Zero)