Grundsätze

by Nella

Einen Tag bevor die Deportation der Juden aus dem Warschauer Ghetto begann, brachte sich Adam Czerniaków um. Er war der Vorsitzende des dortigen Ältestenrates (von den Nationalsozialisten als Judenrat betitelt). Czerniaków hinterließ zwei Abschiedsbriefe. Einen an seine Frau:

“Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben.” Der andere Brief ist an den sogenannten Judenrat in Warschau gerichtet. In ihm heißt es: “Worthoff und seine Kollegen [vom ‘Umsiedlungsstab’] waren bei mir und verlangten, daß für morgen ein Kindertransport vorbereitet wird. Damit ist mein bitterer Kelch bis zum Rand gefüllt, denn ich kann doch nicht wehrlose Kinder dem Tod ausliefern. Ich habe beschlossen abzutreten. Betrachtet dies nicht als einen Akt der Feigheit oder eine Flucht. Ich bin machtlos, mir bricht das Herz vor Trauer und Mitleid, länger kann ich das nicht ertragen. Meine Tat wird alle die Wahrheit erkennen lassen und vielleicht auf den rechten Weg des Handelns bringen. Ich bin mir bewußt, daß ich Euch ein schweres Erbe hinterlasse.”

M.R.-R. dazu: “Still und schlicht war er (Adam Czerniaków) abgetreten. Nicht imstande, gegen die Deutschen zu kämpfen, weigerte er sich, ihr Werkzeug zu sein. Er war ein Mann mit Grundsätzen, ein Intellektueller, der an hohe Ideale glaubte. Diesen Grundsätzen und Idealen wollte er auch noch in unmenschlicher Zeit und unter kaum vorstellbaren Umständen treu bleiben.

Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September. Was die “Umsiedlung” der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.”

(Auszug aus der Rede Marcel Reich-Ranickis vor dem Deutschen Bundestag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Der volle Text findet sich hier.)