Alles Liebe

by Nella

Roy Orbison: You got it

Als ich vorgestern im Zug saß, mein tonnenschweres Gepäck abstellte und mich müde in den Sitz fallen ließ, hörte ich, wie sich ein paar alte, kroatische Männer unterhielten. Einer von ihnen sagte, dass er sich glücklich schätzen könne, seine Kinder seien erwachsen und in Brot und Lohn; und er selbst sei niemandem etwas schuldig noch habe er irgendwen umgebracht. Da musste ich schmunzeln und dachte, “Der redet genau so ein Kroatisch, wie ich es kenne und sehr mag, der muss aus der Region meiner Eltern kommen, die typischen Ausdrücke und Bescheidenheitsformeln.” Seine Stimme erinnerte mich auch an einen engen Freund meiner Eltern, und weil ich mich darüber freute, wollte ich wissen, wie der Mann aussieht und schaute ihm seitlich auf den Nacken. Moooment! Das war der Freund meiner Eltern! Den habe ich als Kind schon angebetet, weil er mich immer in die Luft warf und meine Hände dabei fast die Wohnzimmerdecke berühren konnten. Ich sprang direkt auf, um ihn zu begrüßen.

Schmal war er geworden, dieser baumlange Mann. Und als ich ihm die große Hand streichelte, die, und nicht nur die, meinem ersten Freund einen Heidenrespekt eingeflößt hatte, sagte er, ganz kurz nur: “Komm ab und zu vorbei, ja?!” Für eine Millisekunde brach mir das Herz, weil ich an den Tod seiner Frau denken musste, und wie ihn diese furchtbare Überraschung verändert hatte. Sofort sagte ich, “Ja, das mache ich.” Und dachte, deshalb wird Weihnachten letzten Endes vielleicht gefeiert: dass man sich spätestens da ein Herz fasst und an all’ jene denkt und mit ihnen zusammensitzt, die man ansonsten viel zu oft verpasst. Weil man zufällig den unteren statt den oberen Zugteil benutzt hat. Oder so. Alles Liebe zum Nikolaus! Und überhaupt.

(Pic via Joy and Feathers)