Der Stille Sonntag *39

by Nella

Tula: Dragon

Ich habe mal einen Sommer lang als Hostess gearbeitet. Die am besten bezahlten Events, die mir meine Agentur anbot, waren ungefähr zehn Sommerfeste, bei denen Damen und Herren gebraucht wurden, welche erstens die anwesende Politprominenz erkannte und zweitens auch nicht unbedingt kaugummikauend an ihre Plätze begleitete oder um einen Eintrag ins Gästebuch bat. Ich war jung und brauchte die Kröten. Also geleitete ich Angela Merkel von der Garderobe zum Empfangsraum, Herrn Stoiber und seine Frau Muschi (er nennt sie wirklich so) zum Gästebuch und wechselte mit Herrn Wössner, damals bereits getrennt vom Bertelsmann Konzern, ein paar Sätze über seine alte Gütersloher Heimat. Herr Gentscher stach menschlich besonders hervor, er war von ausgesuchter Höflichkeit und verabschiedete sich von allen Hostessen und Hosts mit Handschlag. Das kommentierte eine meiner Kolleginnen mit den weisen Worten: “Hier scheidet sich wahre Prominenz.”

Recht hatte sie. Denn auf diesen Sommerfesten trieben sich auch wirklich unangenehme Gestalten herum. Solche, die hochkommen wollen, und, wenn Gesine Schwan daneben steht, höflich sind und sobald diese um die Ecke gebogen ist, einen wie Luft behandeln. Am schlimmsten fand ich aber Herrn Oettinger. Schlagartig war mir klar, warum er und Frau Merkel sich hassen. Über die Kanzlerin kann man politisch denken, was man möchte, für ihr Menscheln aber ist sie nicht ohne Grund berühmt. Man kann eben eine gute Aura haben oder eine schlechte. Herr Oettinger hat letztere. Neben ihm gefror mir sofort das Blut in den Adern. Meine Abneigung ist jedoch nicht nur persönlich motiviert.

Günther Oettinger, mittlerweile EU-Abgeordneter, hatte vor einem Monat eine Riesenidee, die wieder mal zeigt, wieso er auch politisch völlig indiskutabel ist: Alle Länder, die ihren Haushalt nicht in Ordnung bekommen, müssten seiner Meinung nach dafür auch öffentlich beschämt werden. Da es den Pranger nicht mehr gibt, sollten die Flaggen der betroffenen Länder vor dem EU Parlament auf Halbmast hängen. (“Was für ein kranker Mann.”) Herr Oettinger hat noch mehr Wahnsinnseinfälle, um die faulen Griechen aus ihrer Krise zu hebeln: “Es wäre am besten, wenn qualifizierte Beamte aus den übrigen EU-Staaten zur Beratung und Durchführung der Verwaltung für einen längeren Zeitraum in Griechenland tätig würden. Sie könnten ohne Rücksicht auf Widerstände agieren und den Schlendrian beenden.” So so, den Schlendrian.

Ich, vor Jahren schon zum Tagedieb alter Schule gekürt, übertreffe mich heute selbst und lasse den Schlendrian so richtig schlenderln. Is’ ja Sonntag. Stiller Sonntag! Musik von der schwedischen Berliner Band Tula. Applaus.