Erinnyen

by Nella

Holy Sons: Satanic Androids

Das schlimmste Buch, das ich mehrmals weglegen musste, weil ich beim Lesen körperliche Schmerzen hatte, ist zugleich das Beste und Schlauste, was ich bisher an ganz aktuellen Texten über die Darstellbarkeit der Shoah von Seiten der Nachgeborenen gelesen habe: Die Wohlgesinnten von Jonathan Littel.

Vom deutschen Feuilleton größtenteils verrissen, Pornographie und Kitsch sei das, außerdem bräuchte man weder ein weiteres Buch aus der Täterperspektive noch einen fiktiven Roman über die Shoah. Überhaupt gelte doch u.a. Claude Lanzmanns Diktum, dass ‘darüber’ kein fiktiver Text geschrieben werden dürfe. Es wurden aber auch andere Stimmen laut, wie die des Historikers Klaus Theweleit, dass die deutsche Literaturkritik der Opferperspektive verhaftet sei und dem Buch einfach nicht gerecht werden könne.

Brutalste, detaillierte Schilderungen vom Töten, u.a. an der Schlucht von Babi Jar, an der innerhalb vom zwei Tagen mehr als 33.000 Menschen ermordet wurden. Auch die se*uellen Exzesse und Phantasien des Erzählers werden nicht ausgespart. Ersteres aber, so erklärte es Littel mal in einem Interview, sei wie eine Leinwand gewesen, die er bemalt habe, um das Grauen zu schildern, dem Leser keinen Ausweg zu ermöglichen, ihn zum Voyeur und Zeugen des Allerschrecklichsten werden zu lassen. Littel hat nicht einfach geschrieben, der Mann wusste ganz genau, worüber er schrieb, da ist auf über 1300 Seiten (!) so viel an Fachwissen und historischen Quellen drin, von Hannah Arendt zu Maurice Blanchot, Raul Hilberg, Viktor Klemperer, um nur wenige zu nennen. Darüber hinaus enthält es Verweise auf die klassische und moderne Literatur, so genannte intertextuelle Bezüge – der Text funktioniert jedoch auch ohne, dass man diese kennt. Wen eine wirklich gute Rezension zu “Die Wohlgesinnten” interessiert, hier ist eine in epischer Breite.

Die Wohlgesinnten, dieses Mammutbuch, wurde jetzt von Armin Petras am Gorki inszeniert. Petras musste Jonathan Littel ein halbes Jahr belagern, um ihm das Einverständnis für die Bühnenfassung abzuluchsen. Wichtige Bedingung Littels: Es dürfen keine Hakenkreuze oder andere Symbole im Stück gezeigt werden. Armin Petras hat dem Tip übrigens gerade ein Interview gegeben. Die Premiere war am 24. September 2011, morgen, den 29.09.2011 erneute Aufführung. Weitere Termine hier. Bin zum ersten Mal seit langem gespannt, wie ein Stück inszeniert wurde!

* Maxim Gorki Theater Berlin, Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin