12 Jahre

by Nella

Arcade Fire: My body is a cage

Als ich vor ein paar Monaten in Schweden war, habe ich nicht nur fleißig gebloggt (Tag 1, Tag 3, Tag 5, Tag 6),  sondern auch ‘n bissken was an Kultur gemacht. Ich war zum Beispiel in der Gregory Crewdson Ausstellung am Stockholmer Sergels Tørg, das ist so ähnlich wie Berlin, Alexanderplatz – nur mit einem phänomenalem Museum mittendruff, statt Karstadt und Saturn, sozusagen. Das schwedische Kulturhuset bildete auch den Auftaktort von Crewdsons Wanderausstellung “In a lonely place”, die mittlerweile im C/O Berlin gezeigt wird. Und was man da zu sehen bekommt, sind wirklich allereinsamste Orte. Eine Handvoll Arbeiten, an der teilweise 150 Menschen das Set gestaltet haben. Alles fotografiert zwar, aber der Komposition nach sonderbare Gemälde, in diffuses Licht und verblichene Farben getaucht. Aufwendig in Szene gesetzte Alltagsgeschichten, bei denen einen das Grauen beschleicht.

In einem Interview hat Crewdson mal erzählt, dass er als kleiner Junge immer wieder über dem Arbeitszimmer seines Vaters (ein Psychotherapeut) hing. Die Ohren fest auf den Fußboden gedrückt, belauschte er heimlich dessen Patienten. Eigentlich sei es dann auch diese eine Geschichte gewesen, die er als Fotograf immer wieder neu habe erzählen wollen. Nämlich, wie das Entsetzen die Fassaden der Normalität einreißt. Crewdsons Bilder sind perfekt arrangiert. So dermaßen stilisiert, dass es weh tut. Seine Fotos sind im wahsten Sinne unheimlich, irritierend, verstörend. Und dabei schön, glatt, wie der Teil eines Films, kein Wunder, dass dann auch Tilda Swinton, Julianne Moore und Gwyneth Paltrow die Statisten spielen durften. In Unterwäsche oder dünnen Kleidchen starren sie ins Leere. Ich weiß nicht so Recht, ob ich’s gut fand. Irgendwie ja, irgendwie nein. Vielleicht macht sie das ja gerade gut. Idunno!

Auf einmal kommen aber (nach der nächsten Serie, den Italien-Bildern) die ebenfalls in Schwarz-Weiß gehaltenen Bilder von abertausenden Glühwürmchen. Fireflies, stilistisch ein absoluter Bruch und der dritte Teil der Ausstellung, ist bei Crewdsons Eltern in Becket, Massachusetts entstanden – innerhalb von zwei Monaten, in denen Crewdson, frisch getrennt von seiner Frau, jede Nacht wie besessen dem Treiben der Glühwürmchen folgte. Unendlich viele Lichtpunkte, die sich vom Schwarz abheben, sind als Fotos entstanden. 12 Jahre sollte es dauern, bis sich Crewdson wieder an diese Fotos herantraute und sie aus der Kiste, in die er sie sofort nach dem ersten Schauen packte, befreite. Diese Arbeiten: irgendwie naiv und wunderschön zugleich. Als sei damals, vielleicht durch den Furor, Leben in die Bilder gekommen.

Gregory Crewdson: In a lonely place vom 2. Juli bis 4. September 2011 im C/O Berlin, Postfuhramt, Oranienburger Straße 35/36, 10117 Berlin

(Pic via Haw-lin)