Der Geschmack von Himbeeren

by Nella

The Dears: Thrones (live at Guitar Centar)

“Mit dieser alten Frau, wie sie da schüchtern in ihrem Gelsenkirchener Barock saß, hatte ich überhaupt nichts gemeinsam, dachte ich. Bis sie auf einmal sagte: ‘Meine Kindheit ist der Geschmack von Himbeeren. Wie wir sie frisch von den Büschen pflückten, die am See hinter unserem Haus wuchsen.’ Da war ich wie elektrisiert. Denn das Haus, von dem die Dame sprach, ging in den Besitz meiner Familie über und wurde damit zum Ort meiner Kindheit. Und auch für mich war die einschneidendste, die intensivste Kindheits-Erinnerung der Geschmack von Himbeeren.” Dies sagte die von mir sehr bewunderte Schriftstellerin Jenny Erpenbeck vor einer Lesung ihres Buches Heimsuchung, in der sie die Geschichte von ebenjenem Haus und den Himbeerbüschen erzählte. Von der Zeit, als es das Haus noch nicht gab, wohl aber die Stelle, an der sich vor vierundzwanzigtausend Jahren das Eis vor[schob], die Felsbrocken unter sich allmählich rund schliff und der märkische See entstand; bis ins Heute, an dem das enteignete Haus längst seiner vormaligen Besitzerin zugeführt wurde. Mit meiner Freundin Anna denk’ ich ebenfalls an den Geschmack von Himbeeren, die wir aßen, als wir mit nackten Füßen über das kochend heiße Pflaster unserer Heimatstadt G. tappten, mit nichts als riesigen braunen Badetüchern bekleidet, die wir um uns gewickelt hatten. Schließlich waren wir an diesem langen Tag vor etwa 25 Jahren nicht in einer ostwestfälischen Kleinstadt unterwegs, sondern wir waren Beduinen und zogen wortlos wie würdevoll durch die Beton-Wüsten.

Anna war es auch, die mich auf die Töpferei ihrer Namensvetterin Anna Sykora brachte. Töpferei hört sich jetzt erstmal nicht so sexy an. Aber dort stellt besagte Anna Sykora die wunderschönsten Gefäße her, die in der Tat nicht nur optisch, sondern auch haptisch was hermachen. Kunsthandwerk! Auf den Fotos der Website kommt die außergewöhnliche Schönheit der Dinge, die dort hergestellt werden, überhaupt nicht zur Geltung. In der Werkstatt in der Fichtstr. in Kreuzberg kann man sich selbst ein Bild machen, sie ist ohnehin allemal einen Besuch wert. Dort kann man der Künstlerin bei der Arbeit an der Töpferscheibe zusehen. Hinter ihr stapeln sich die Gegenstände, die noch gebrannt werden müssen: ein charmantes Über- und Nebeneinander von Vasen, Schalen, Trinkgefäßen. Den speziellen Ton dafür stellt Anna Sykora selbst her, damit sie ein aus der Antike stammendes Verfahren anwenden kannn, das die Herstellung ganz erlesener Farben und Formen zulässt. Dabei entsteht ein kleines Meisterwerk, das sich unbeschreiblich angenehm anfühlt, irgendwie rau und glatt zugleich. Die Schalen starten preislich ab etwa 28,- Euro, Vasen ab etwa 40,- bis 120,- und mehr. Sie alle haben zwar etwas filigran Zartes, sind aber sehr robust, weil für den täglichen Gebrauch hergestellt und dementsprechend spülmaschinenfest. Und das beste: Ich freue mich jeden Tag, an dem mich die Schalen in meiner Küche begrüßen. Nicht nur weil sie so hübsch sind, sondern weil ich dann an Anna denken muss und an meine Freundin Senay, die mir vor genau einem Jahr das zweite Exemplar schenkte. Ist eine sehr freundliche Begrüßung in den Tag!

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung. München 2010  (8,00).

Schalen by Anna Sykora, Fichtestr. 1a, 10967 Berlin. Öffnungszeiten: Mo-Fr. 9-18h. 030-88 72 92 69. Der vordere Teil der Werkstatt dient auch als Verkaufsfläche. Anonsten gibt es Anna Sykoras Gefäße auch bei W.E.I.N.eG in der Dieffenbachstr., der wiederum ab Ende Juli 2011 in der Schönleinstr. 15, 10967 Berlin anzutreffen ist.

(Anna Sykora via Anna Z.)

(Pic via Watercolours)