Der Stille Sonntag *10

by Nella

The Do: Too insistent (live)

Humor ist einfach überzeugender.

Bei einem meiner liebsten Pflege-Kinder, bei dem konnte ich mit Strenge überhaupt gar nix reißen. Hella war mir schon vorher aufgefallen, sie trug kleine blaue Plastiksandalen zu einem roten Kleidchen, als ich sie das erste Mal sah. Sie war keins von den superhübschen Kindern, die im Sommer immer direkt von Pflegefamilien aufgenommen wurden, wie es in dem Kinderheim, in dem ich ein paar Monate arbeitete, Usus war. Eher ein drolliges Mädchen mit braunen Stoppelhaaren auf dem dünnen Köpfchen. Eigentlich erinnerte sie mich an ein Äffchen. Und ich war auf der Stelle verliebt in sie.

Sie war das einzige Kleinkind, das die Jugendlichen auf dem Fußballplatz duldeten. Mehr noch, die Jungs unterhielten sich völlig amüsiert mit ihr. Ich kannte sie jedoch nur aus der Ferne. Bis zu jenem Tag, an dem sie in meiner Betreuungs-Gruppe war. Und sich hartnäckig weigerte,  die Turnhalle, die wir ja erst strapaziöse zwei Stunden vorher mit 16 anderen raufenden Kindern betreten hatten, zu  verlassen. Als ich sie genervt ermahnte, endlich mit dem Unsinn aufzuhören, tat sich genau: nichts. Jedenfalls nichts zu meinen Gunsten. Sie warf sich einfach bockig auf den Boden und rührte sich nicht vom Fleck. Da musste ich dann schon wieder lachen. Und kniete mich neben sie, spazierte mit meinen Fingern über ihr Bäuchlein und ärgerte sie ein bisschen: “Na, Du kleiner störrischer Esel.” Ich konnte sie richtig dabei beobachten, wie sie gegen ihr Kichern ankämpfte. Bis sie anfing, mich zurück zu kitzeln. Um mir kurze Zeit später freiwillig ihr Händchen zu geben. Gemeinsam stiefelten wir aus der Manege. Vielleicht ließ Hella sich nur so leicht überreden, weil wir sofort ein Herz und eine Seele waren. Man könnte auch sagen, so viel Zeit und Geduld hat man im Alltag nicht, um wütende Kinder zum Lachen zu bringen. Schade aber, wenn man die nicht hat. Denn so musste ich kein verheultes Kind hinter mir herziehen und für die nächsten Stunden ertragen. Im Gegenteil. Nach dem Abendessen drehte das kleine Ding dann noch richtig auf und begann, ein Konzert zu geben. Lauthals. Mit einer so guten Stimme, dass mir die Spucke wegblieb. Sie sang einen kroatischen Schlager: “Es läuft, im Leben läuft es ganz gut bei mir. Was mir fehlt, ist deine Liebe. Mir fehlt so sehr, dass du im Gleichschritt mit mir gehst … Wo bist du, mit dir ists viel süßer einzuschlafen?!” Jep! Ich sag’ ja: Mit Ruhe und Humor bekommt man auch das Ständchen vorm Balkon. Dass es ‘ne Vierjährige war, die formvollendet Schmonzetten für mich trällerte, erwähn’ ich beim nächsten Mal einfach nicht.

(Pic via honeybunnywalk)

(Musik-Mitarbeit: Der Marquis von Ö)