Die Iden des März

by Nella

Jackie Wilson: Higher and higher

Eigentlich sind Jump- und Catsuits, so Hosenanzüge halt, bei denen das Unterteil fest mit dem Oberteil vernäht ist, die absoluten Hassobjekte für Männer, während Frauen alle paar Jahre entzückt sind, dass sie wieder in Mode sind. Also, ich bin da offen. Ich hab so Dinger zwar bisher nur fürs Yoga. Aber wenn ich mir Jackie Wilson anschaue, bin ich beeindruckt. Der ist ein Mann und trägt einen Strampler! Und das ganz schön lässig. Da kneift nix! Nella will auch ham’! Aber andererseits ist mir, seitdem ich hinke aufgefallen, dass die Leute noch mitleidiger starren, wenn man einen extravaganten Fummel überwirft. Ich habe deshalb sogar kurz überlegt, ob ich mir Krücken besorge, damit es nach einem Sportunfall aussieht. Aber das ist ja auch albern. Außerdem müsste ich dafür ebenfalls zum Arzt. Und das habe ich bisher noch nicht hinbekommen. Denn es gibt ja Dr. Web. Und wenn man im Internet nur ordentlich sucht, stellt man bald fest, dass man mindestens einer Amputation entgegen sieht. Vielleicht gehe ich Montag zu einem richtigen Mediziner.

Ich hab keine Ahnung, wie genau es zu meiner Kriegsverletzung kam, plötzlich war sie da. Mittlerweile kann ich damit auch wieder sprinten, wenn ich zu spät dran bin. Geht sogar besser als langsames Laufen. Auch Bikram Yoga ist bis auf eine Übung kein Problem. Also war ich nach meiner letzten Session sehr optimistisch, was meinen Auftritt in der Öffentlichkeit anbelangt. Wie ich also würdevoll die Straßen entlanghumpelte, beugte sich meine Freundin Winnie vertrauensvoll zu mir herüber: “Du siehst aus wie eine Figur von Murakami. Ja. Wie das Mädchen, in das sich der Erzähler unsterblich verliebt. Das hinkt auch.” -“Wie, die hinkt auch. Ich dachte gerade noch, es fiele kaum mehr auf bei mir.” Amüsiertes Stirnrunzeln: “Die bei Murakami wird ‘die Lahmende’ gennant. Und man weiß bei ihr auch nicht, ist es eine Verletzung oder ein Handicap.” Hm. Danke. Die Lahmende. Zuhause stellte ich fest, das Buch heißt: “Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah”. Das hört sich doch direkt ganz anders an! Weshalb ich auch einfach mal den Bezug zu einem anderen Murakami Buch ausblende. Denn: Man muss nur hören, was man hören möchte. Also, lieber Winnie, was für ein hinreißendes Kompliment. Und: Ich kack jetzt auf die Glotzer. Kinnas, packt Eure roten Strampler aus! Und wer modetechnisch immer noch Skrupel hat, der sollte wenigstens mit dem Tanzen anfangen! Sogar so Moves wie der, den die Dame da oben vollführt, gehen auch mit Humpelei ganz gut! Kommt nur auf den Sound an. Versprochen.

Haruki Murakami: Wie ich eines schönen Morgens im April erwachte und das 100%ige Mädchen sah. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. München 2008 (8,- Euro).

(Buchtipp via Winnie)