Raues Pflaster

by Nella


Kanye West: Runaway

Es klingt lächerlich. Aber manchmal kommt man trotz einer gesunden Portion Alltags-Autismus in Kreuzberg nicht um brenzlige Situationen herum. Ein Bekannter von mir, der jetzt Vater wird, zieht deshalb sogar um. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Oder ich weiß es schon, aber vielleicht würde ich in seiner Situation ähnlich entscheiden. Ich hoffe aber nicht. Weshalb ich jedoch nicht wie ein Rohrspatz über ihn schimpfe, hängt damit zusammen, dass ich beim Joggen schon die eine oder andere unangenehme Begegnung hatte. Die Kids, die im Sommer am Kanal rumhängen, und allen Frauen “Ks-Ks” hinterherrufen oder “Ey, du bist doch schon dünn”, sind ja noch lustig. Weniger lustig sind ein paar andere Gestalten.

An einem frühen Abend letzten Sommer schnappte ich mir meine Laufschuhe, weil ich mich sehr über jemanden geärgert hatte. Auf dem Rückweg, ich war meine Wut noch immer nicht wirklich los, fühlte ich plötzlich irgendetwas an/um/in/ich weiß nicht meinen Hintern. Ein Radfahrer fuhr unmittelbar danach dicht an mir vorbei und lachte mich ausgesprochen schmierig aus. Während ich überrascht mein Tempo drosselte, schien auch die Zeit sich zu verlangsamen. Mir dämmerte, dass ich gerade von dem Radfahrer begrapscht worden war. Und dazu noch verhöhnt. Von einer Sekunde auf die nächste packte mich der Zorn Gottes. “Wenn Ihnen etwas zu nahe kommt, rufen Sie laut ‘Das geht zu weit!’” Zu allem entschlossen sprintete ich dem Lustmolch hinterher. Und wunderte mich nicht nur darüber, welchen verbalen Unflat ich ohne zu überlegen hinauszukatapultieren vermochte, sondern auch, dass ich diesen Sittenstrolch auf seinem Rad für einen kurzen Moment einholte. Und ihm eins über den Rücken gebraten habe. Ich kann sagen, ich wünsche niemandem, an entscheidender Stelle so wüst angefasst zu werden. Aber der Sprint, den ich mit eindeutigem Ziel (nachträgliche gewaltsame Gegenwehr) hingelegt hatte, war ein Glücksfall. Innere Unruhe: weg. Ich überlegte kurz, ob ich nun Bereit wäre, mich einer Friedensbewegung anzuschließen. Vielleicht meinte Kanye West das mit “Let’s have a toast for the assholes, let’s have a toast for the scumbags”. Raues Pflaster manchmal, so ‘ne Stadt. Aber keine zehn Pferde bringen mich hier weg. Nur das mit der Friedensbewegung muss ich mir nochmal durch den Kopf gehen lassen.

(Photo by Peter Langer)

Das Foto oben ist eigentlich ein Eintrag von Peter Langers Foto-Tagebuch. Jeden Tag ein Bild. Manchmal auch keins oder zwei oder drei. Jedenfalls das Jahr 2008. Dabei ging es ihm um “Zeit halt”. Doppeldeutig! Und dokumentieren. Peter Langer: On Line. Deutsch/Englisch. Berlin 2009. Bestellen hier.