Kiez-Ding

by Nella

James Blake: Limit to your love

Vor kurzem bin ich mit meinem Patenkind, einem kleinen, mallorquinischen Lastrami, Gassi gegangen. Eine Zeit lang war mir das etwas peinlich. Denn er ist wirklich klein, das ist mir natürlich nicht peinlich – aber wegen der Kälte muss er ein Pullöverchen tragen. Das ist auch noch lila. Mit mir am anderen Ende der Leine sah es aus, als sei der Hund ein Accessoire. Die Leute haben uns ziemlich abfällig angeglotzt. Wenn wiederum der Freund von mir, dem das Tier gehört, mit dem Kleinen Gassi geht, dann sieht das eher lustig aus. Großer Mann mit winzigem Hund. Da stört lila nicht. Frauen kreischen von weitem: “Ooooh, ist der niiiiiedlich!!!!” (Sie meinen vermutlich den Hund, ganz sicher bin ich mir jedoch nicht.) Das passiert nur in Kreuzberg. In Prenzlauer Berg juckt die jungen Damen wenig, wenn die beiden irgendwo auftauchen. Dafür werden sie häufig von alten Omas angequatscht. Ich würde sagen, dieser Freund muss dringend umziehen.

Und da ich jetzt schon bei Sozialstudien bin: In Kreuzberg haben auffällig viele türkische Mädchen Angst vor Hot Dog (der Hund heißt wirklich so). Die Apothekerin am Kotti sagte mir: “Ich kann Sie bedienen, aber bitte gehen Sie ein paar Meter zurück. Ich habe Angst vor Ihrem Hund.” Ich fragte, ob sie sich wirklich fürchte, weil ich ihn dann schnell auf den Arm nahm und er ja, wohlwollend geschätzt, höchstens 35 cm groß ist. Sie sagte: “Nein. Er soll einfach nicht näher als drei Meter heran kommen.” (Stimmlage ging zum Satzende rasant mindestens drei Oktaven höher.) Ich glaube, das ist ein kulturelles Ding. Erklären kann ich es nicht. Vielleicht hat ja Herr Sarrazin eine überzeugende Argumentation dafür? Aber der kann ja nicht mal Gandhi richtig schreiben. Jedenfalls zucken die Mädels reihenweise zusammen, wenn sie den Hund sehen und schlagen einen grooooßen Bogen um uns. Da ich aber früher selbst riesige Angst vor Hunden hatte, ich berichtete, verkneife ich mir jedes Grinsen.

Nun hat Hot Dog ein neues, winterfestes Outfit (einen Lammfellfummel im Pilotenstyle). Wenn schon anziehen, dann wie ein Mann. Ich muss immer noch lachen, wenn ich ihn so zurechtgemacht sehe. Aber von meinem liebevollen Tätscheln wird dem Hund auch nicht warm, außer ums Herz vielleicht. Insofern konnte ich mein Peinlichkeitsgefühl ablegen. Mein Patenkind schlummert übrigens gerade selig. Also denke ich, es ist okay, wenn ich hier so aus dem Nähkästchen plaudere. Mit seinem fomidablen Geschmack hat er es sich auf meiner Cashmere Decke bequem gemacht. Gerade schmatzt er im Schlaf. Ich sollte ihn da runter nehmen. Auch eine Sache, die ich früher nicht verstanden habe, Hunde auf Decken, also bitte. Aber bevor PETA oder Greenpeace hier auftauchen: Damn, ist das ein Hund! Ich behandle ihn nicht wie einen Menschen und ich verwöhne ihn null Komma gar nicht. Indianderehrenwort!

Photo via Sophisticated Simplicities