kurz und klein

by Nella

Sarah Blasko: No turning back

Ich bin militanter Radfahrer. Ja, ich fahre auch bei Regen und Minustemperaturen, da sind wenigstens die Autofahrer milde gestimmt, weil sie denken, “Die arme Sau fährt bei der Witterung, hupen wir mal nicht wie gewöhnlich schon im Voraus.” Aber, ich verrate an dieser Stelle: Wenn es richtig, richtig bitterkalt ist, ist Radfahren besser als jeder Fußweg. Als ich in der Stabi Ost an meiner Doktorarbeit doktorte und den kurzen Weg in die HU-Mensa machte (Kosename: Schweine-Mensa. Ach, ihr Berliner, immer die besten Spitznamen parat! Wie meine Eltern! Da hießen die Nachbarn Bäumchen, Nja-Nja und sonstwas, nie aber Herr und Frau F.) …

… wo war, ich?! Ach, ja. Kurzer Weg rüber in die HU-Mensa. Ich sage Euch, wenn der Gehweg gefroren ist und der Wind durch alle Löcher pfeift, da sind einem selbst 100 m auf dem Bordstein Unter den Linden zu weit. Mit dem Fahrrad allerdings: kein Problem. Mein 20-Minüter mit dem Fahrrad war wie n Kneipp-Bad (obwohl ich noch nie kneippen war). Erst ist es rotzkalt, aber nach drei Minuten freut man sich über die Bewegung. Und die Wärme, die von innen kommt, hält ne Weile an. Zwei, drei Stunden später noch zehrte ich an meinem kleinen Pult sitzend von meiner morgendlichen Fahrrad-Gymnastik. Kein Schlottern, ehrlich wahr.

Wenn ich aber auf die telefonischen Bitten meiner Mama (ja, meine Mama macht sich noch immer Sorgen, dass ihr Ungernürksel krank werden könnte. Kind, du bist zu dünn! Kind, bei dem Wetter bitte nicht mit dem Fahrrad. Sind deine Haare noch nass? Mama, ich bin 30. Aber du hörst nicht auf, mein Kind zu sein. Schön, oder?! Mama, ik lieb Dir!) die U-Bahn genommen habe, war nix mit von innen warm. So ein kleiner Augenaufschlag mit einem Fremden gewechselt ist nichts gegen Morgensport. Ich schwöre! So. Nach dieser kurzen Einleitung komme ich zum Punkt: Dass ich nicht zurück fahren mag. Einmal nicht abgebogen wie vorgesehen, fünf Sekunden später gemerkt, aber nicht zurückfahren wollen. Wie ein störrischer Esel. Ich weiß das. Ich habe als Kind viele Esel im wunderschönen Dalmatien gesehen. Auch in der Herzegowina laufen viele Esel rum. Lassen wir das.

Kennt Ihr das? Nicht zurück zu wollen? Kein Zurück. Alles hinter einem niederbrennen, aber auf gar keinen Fall zurück. Oder alles kurz und klein zu hauen. Manchmal hat das auch reinigende Wirkung. Dafür habe ich seit diesem Jahr eine wirklich gute Freundin dazu gewonnen, weil man, wenn man alles kurz und klein haut, auch zeigt, wer einen dazu bringt, dass die Amplituden ausschlagen. Und irgendwann ist dann der Groll fort gestoben, nicht nur geschoben. Und wenn ich so auf meinem Fahrrad sitze und merke, es ginge vielleicht schneller, leichter, besser, einfach noch einmal umzudrehen und die verpasste Abfahrt zu nehmen, sträubt sich mein Lenker und ich fahre einfach weiter. Ich bleibe auch nie an Ampeln stehen. Sind das Zwangsneurosen? Dass man immer für alles Namen findet. Vielleicht sollte man auch das lassen. Lieber die Musik. Spielet auf! (Wo ist das nochmal her? Autsch. Ich weiß wieder. Celan. Unpassende Assoziation. Also, wirklich. Aber: guter Ausruf. Spielet auf!)